Mittwoch, 7. Februar 2018

Groovy

Ich stehe vor dem Woolworth und betaste ein in dünne Plastikfolie verpacktes Schaffell. Eigentlich suchte ich ein Maßband und wurde hier her geschickt, „Gehn’se mal zum Wollwert“, und da sah ich diesen Stapel Schaffelle. 1 x 2 Meter misst eines, es hat Gummizüge an den Ecken, man soll es sich über die Matratze spannen. Ich frage mich, ob das echtes Fell ist. Ein Schaf mit Matratzenmaßen. Ein Kistenschaf. Eine plüschige Box mit vier Beinen drunter. Ich muss etwas kichern. Ich drücke zögerlich die Packung mit dem Zeigefinger ein in der Hoffnung, dass sie mir etwas enthülle, das meiner wankenden Kauflaune den entscheidenden Drall gibt, aber nichts geschieht. Den Zuschlag erhält dann der knallrote Preisaufkleber, 7,99 Euro, was kann da schief laufen? Es soll für unsere neue Couch sein, für unseren nächsten gemeinsamen Abend. Du, ich, die Tochter, die Katze, alle sollen sich in das Fell wühlen und sich freuen. Es darf geschnurrt werden.
Als ich die Packung anheben will, erscheinen seitlich in meinem Blickfeld zwei Hände, die eine geöffnete Geldbörse und einen Autoschlüssel auf meinem Schaffell ablegen.
Eine schicke alte Dame, Marke Jetsetterin. Ihr haftet etwas an, das immer jungendlich wirken wird, ohne lächerlich zu sein. Schlank, stylische Klamotten, abgerockt, flusige Zerstreutheit und grenzenlose Souveränität. Eine Frau, die das Leben kennengelernt hat. Sie könnte im Plattenbau leben oder in einer Villa mit Park. Beides ist möglich, beides scheint angemessen. Es würde nichts ändern. Sie gibt mir zu verstehen, dass sie gerade am Geldautomaten Bares geholt habe und die Klientel dort ihr zu zwielichtig sei. Jetzt wolle sie hier, bei mir, in Sicherheit ihre Geldbörse wieder einräumen.
Ich freue mich, dass sie mich vertrauenswürdig findet, und schaue ihr zu. Sie sucht die Hülle ihrer EC-Karte und versucht zeitgleich, den gezogenen 50-Euro-Schein zu verstauen. Immer ist etwas im Weg, etwas in der falschen Hand, gerät ein Schnipsel in den Reißverschluss. Die Dame ist konfus. Ihr Wagenschlüssel - Audi, schwer - rutscht währenddessen langsam aber stetig die dünne Folie unseres neuen Schaffells herab Richtung Boden. Irgendwann ertrage ich die Spannung nicht mehr. Ich schnappe ihn mir und lege ihn wieder oben auf. „Der wäre gleich runtergefallen“, sage ich. „Ach wo“, sagt sie, nicht unfreundlich. Plötzlich sehe ich sie mit Gunther Sachs und seinem Gefolge auf Sylt Party machen. Ich ahne blonde lange Haare, gebräunte Haut und ein strahlend weißes Herrenhemd, nachlässig über den Bikini geworfen. Eine filterlose Zigarette zwischen schlanken Fingern, ein makelloser Sonnenuntergang am Strand der bisher verträumten Insel. Perlmuttene Übergänge im wolkenlosen Himmel.
Und im Winter dann die ganze Meute ab nach Sankt Moritz, Après Ski vor dem knisternden Kamin einer rattenscharfen Playboybude. Die Farben sind jetzt Gold und Braun, warm. Vor dem Kamin ebenfalls: Ein Schaffell, unser Schaffell.
Magic.
Dieses Ding mutiert vor meinen Augen zu einem Relikt aus Zeiten, in denen Deutschland ein einziges Mal cool gewesen war.
Meine ehemals blonde Fee hat jetzt ihre Sachen soweit gepackt und geschnürt und ihre Magie wirken lassen, und sie zieht ab, in den Plattenbau oder in die Villa, wer weiß das schon.
Ich schnappe mir das Fell und bringe es heim.
Fehlt nur noch der Kamin.

Sonntag, 4. Februar 2018

Auf Arbeit

Ich sehe ein Photo von Dir und dem kleinen Kumpel. Es war ein Sommertag gewesen. Der Kleine hatte Faxen gemacht und Du ihn dabei gefilmt. Hier, auf dem Photo, sitzt Du in einem Gartenstuhl, der Kumpel hängt über der Armlehne. Er schaut lachend auf das Display der Kamera in Deinem Schoß, und über seinen Kopf hinweg schaust Du jemanden an und lachst aus vollem Herzen. Es ist ein wirkliches, echtes Lachen voller Freude. Vielleicht berührt es mich so, weil Du dabei jemandem in die Augen schaust, im Kontakt bist. Man sieht den Sommer auf dem Bild, alles scheint leicht.
Hier und jetzt, im Winter, konjugieren die kleinen Unglücklichen um mich herum Verben, lernen, was Präteritum ist und Futur II. Es ist still. Ich schaue wieder auf Dein lachendes Gesicht.
Ich hatte geliebt, ich habe geliebt, ich liebte, ich liebe, ich werde lieben, ich werde geliebt haben.
Der Wind drückt den Regen an die Fenster, es prasselt, dahinter wiegen sich kahle Äste. Ich habe meinen Mantel im Auto gelassen, gleich muss ich da raus.
Meine Seele konjugiert jetzt still mit, ich hatte den Sommer erlebt, ich habe den Sommer erlebt, ich erlebte den Sommer, ich erlebe den Sommer, ich werde den Sommer erleben, ich werde den Sommer erlebt haben.
Ich sinke zurück in vergangenes Sommererleben. Ein Gefühl ist plötzlich ganz präsent, ich sitze an einem Sommerabend im Auto, jemand fährt, ich lehne den Kopf gegen die Scheibe und schaue träge den vorbeifliegenden Bäumen zu, hinter ihnen glitzert eine tiefstehende Sonne. Ein Luftzug bewegt meine Haare. Schwer und müde von der Hitze bin ich, mein Körper ist zufrieden, und ich lasse den Tag nachklingen. Ich bin wunschlos, ungeteilt. Das kann ich jetzt spüren, im Winter. Kein Bedarf für ein Präteritum. Doch dann, jetzt im Winter, fällt mir ein, dass an einem zukünftigen Sommertag wieder dieser eine Gedanke kommen könnte, der sich in letzter Zeit häufiger einschleicht. Dass das alles einmal vorbei sein wird, dass ich sterben kann, dass ich sterben werde. Es könnte an einem zukünftigen Sommerabend träge das Glück durch mich hindurchfließen, und dann ist er da, der Gedanke.
Ich war gestorben, ich bin gestorben, ich starb, ich sterbe, ich werde sterben, ich werde gestorben sein. Jetzt, in diesem Winter, erfüllt der Gedanke an meinen Tod mich mit diffusem Grauen, die Unfassbarkeit des Gedankens, dass mein Bewusstsein eines Tages erlöschen wird, dass eine Welt untergehen wird, mein Universum enden wird. Die Wucht macht mir Angst. Aber in der Zukunft, im Futur, an diesem kommenden Sommerabend, wird mich der Gedanke mit Wut und Hilflosigkeit erfüllen, das weiß ich. Mit Empörung darüber, dass dieses Sommererleben jemals enden wird. Dass dieses Leben enden wird.
Ich hatte mich empört, ich habe mich empört, ich empörte mich, ich empöre mich, ich werde mich empören, ich werde mich empört haben.
Ich rutsche durch die Zeiten, und jede Zeit berührt sich, so etwas müssen die Physiker meinen, die Entwürfe eines Universums zeigen, das ich nicht verstehe. Alles berührt sich. Alle Zeiten laufen nebeneinander.
Es gibt sie nicht wirklich, die Zeit. Auch, wenn die Kleinen um mich herum sie beugen müssen. 
Die Ärmsten.

Dienstag, 21. November 2017

Simson kommt aus dem Kino, „Mord im Orient Express“ gab man.
Ich bin freudig gespannt auf diesen Film, er vereint einiges, das ich mag: Agatha Christie, Kostüme, Judy Dench als fiese Fuchtel, ein Whodunit der klassischen Art.
Und Last, but not least, Michelle Pfeiffer.
Weizengülden strahlender Stern meiner Jugend.  Die Wunderschöne mit den hammer Filmen. Ätherische Muse, ferne Göttin. Wenige, ob Mann oder Frau, hetero oder homo, die nicht wenigstens etwas verknallt in sie gewesen wären. Das war ok. Dieses Wesen stand über den irdischen Beschränkungen.
Und jetzt sieht man sie endlich mal wieder in einem Film! Kenneth, Du bist ein Teufelskerl, diese Scheue noch einmal vor die Kamera bekommen zu haben.
Frag ich also gespannt Simson: „Und? Wie war der Film?“
Meint Simson ein gedecktgedehntes: „Joa...“
Ich, etwas erstaunt: „Auch Michelle Pfeiffer?“
Fragt Simson: „Die blonde Alte?“

Schwieg ich.

Donnerstag, 16. November 2017

Simson und ich sitzen im Auto. Es ist Mittag in der Großstadt, mehr als Stop and Go nicht drin. Wir philosophieren über das Leben und den Tod. Das Für und Wider der Wiedergeburt. Den Stress des Gedankens an eine mögliche postmortale Abstrafung für ein unsittliches Leben. Die Wucht des Gedankens an die eigene Nichtexistenz. Das komplette Hin und Her.
Schlicht: Den Sinn des ganzen.
Irgendwann meint Simson leicht resigniert: "Vielleicht leben wir ja auch einfach im Milchzahnexperiment von Lisa Simpson."
Rechts, auf dem Bürgersteig neben uns, fährt ein Pizzabote mit seinem Auto. Er hat keinen Bock auf den Stau. Die beiden jungen Frauen, die vor ihm gehen und ihn ausbremsen, bemerken ihn nicht. Er hupt, sie weichen erschreckt zur Seite, er fährt zügig weiter.
Manchmal sieht es so aus, als sei das ganze nur ein Milchzahnexperiment.
Hoffen wir einfach, dass Bart uns nicht findet.

Samstag, 11. November 2017

Der Morgen ist trübe. Bedeckter Himmel, diffuses Licht, Bäume ohne Schatten. Ein Herbstblues wie aus dem Kino. Unsere Insel, niederländisches Einland, tiefes und flaches, sie schlummert. Wir lösen uns auf im Grau, der Himmel schluckt jede Regung, federt uns milde ab. Es ist gut so, schließlich sind wir im Aufbruch.
Es waren gute Tage gewesen, voll Sonne und Farbe. Voll Gold und Blau und Braun und Weiß, voll Wind und Stille und Bewegung.
Aber jetzt beladen wir schweigend das Auto.

Wenn Du in ein Ferienhaus kommst, dann sei offen.
Dann nimm und gib. Sieh Dich gut um.
Wenn Du in ein Ferienhaus kommst, dann nimm an.
Finde die Spuren derer, die vor Dir da waren, und hinterlasse Spuren für die, welche nach Dir kommen.
Stell Dein Gepäck ab und entdecke.

Die vor uns da gewesen waren, sie hinterließen uns Salz, Kaffeefilter und ein Lustiges Taschenbuch.
Wir ließen den nächsten Seife und ein Buch mit Knobelaufgaben. Außerdem drei Muscheln, auf dem kleinen Beistelltisch beim Bücherregal.

Wenn Du in ein Ferienhaus kommst, dann unterbrich nicht den Kreislauf. Nimm und gib. Flicht das Gewebe weiter. Denn dann wirst Du immer zurückkehren, egal, in welches Haus.

Wir wollen nicht gehen. Es war ein gutes Haus, freundlich und großzügig. Wir hatten eine reiche Zeit. Auf dem Heimweg reißt der Himmel auf. Wir bummeln und sammeln Bilder, immer wieder Bilder. Beobachten Kutter, essen Fisch und Pommes. Entdecken und füllen uns die Taschen, reichlich, mit Freude und Licht und Weißt-Du-Nochs. Das ist gut so, denn vor uns liegt der Winter.

Wenn der Winterschlaf kommt, dann träumen wir in unserer dunklen Höhle, dort, in der Wärme, träumen von Häusern die waren und denen, die kommen werden. Betrachten unsere Bilder und flüstern leise.

Weißt Du noch?

Samstag, 7. Oktober 2017

Frau Grabowski, die oben in der Mansardenwohnung in unserem Mietshaus wohnte, damals, vor einer Ewigkeit.
Ich erinnere mich an sie und erinnere mich nicht. Ich weiß nicht mehr, wie sie aussah oder wie sie klang.
Ein paar mal war ich in ihrer kleinen Wohnung, saß dort auf dem Sofa und machte etwas Konversation.
Brauntöne, schummriges Licht, Stille.
Ich mochte Frau Grabowski, auf eine befangene Art. Ich glaube, wir waren beide befangen, wenn ich sie besuchte. Keine Ahnung, wie eine Vier- oder Fünfjährige auf dem Sofa einer alten Dame landet, mit der sie nicht verwandt ist, ein Höflichkeitsbesuch wohl. Offensichtlich überfiel Frau Grabowski mich nicht mit Fragen oder Süßigkeiten oder Euphorie oder anderen Aufdringlichkeiten, da würde ich mich dran erinnern. Es war ruhig.
Ich fragte mich damals immer still, auf welche mirakulöse Art sie mit dem gleichnamigen Maulwurf aus meinem Bilderbuch verbunden war. Denn dass sie es war, dessen war ich mir sicher. Die ganzen Brauntöne, die Dunkelheit, dieser Hauch von Trauer, der in jedem Winkel ihrer Wohnung zu schlummern schien.
Ob sie das Buch gar geschrieben hatte? Ich traute mich nicht zu fragen.
Es war Anfang der Siebziger Jahre, und sie war schon eine alte Frau.
Sie schien keine Familie gehabt zu haben. 
Ich möchte wissen, wer sie war. Ich möchte wissen, wo sie herkam und wohin sie später ging. Ich möchte wissen, was sie besaß, was sie träumte, was sie verlor. Ich möchte ihre Erinnerungen.
Ich möchte Fragen stellen, die eine befangene Vier- oder Fünfjährige, die auf Höflichkeitsvisite geschickt wurde, nicht stellt.
Frau Grabowski ist fort, gegangen.
Es sind Spuren, die mich beschäftigen. 
Menschen, die gehen, ohne je eine Spur zu hinterlassen.
Auf Friedhöfen finden sie sich häufig, vernachlässigte Gräber, auf dem Grabstein ein einzelner Name, darunter zwei Daten. Mehr nicht.
Von den beiden Daten eingefasst ein Leben, das von niemandem mehr bezeugt wird.
Was mag alles zwischen diesen beiden Daten gelegen haben? Ein Universum an Möglichkeiten, ein ungeheurer Reichtum. Aber was auch immer es war, jetzt ist es vergangen und weggeweht, eine leichte Brise reichte aus.

Es ist diese Flüchtigkeit.

Es ist Herbst.

Sonntag, 10. September 2017

Es begab sich aber

vor ein paar längeren Tagen, dass Simson, auf dem Wohnzimmersofa liegend, ebendort kleine, schwarze, lustig springende Pünktchen entdeckte. Welche sich als Flöhe herausstellten, welche offenbar eingeschleppt worden waren vom Kater, der ein Draußenkater ist und nur ab und an hereinkommt, etwas fressen und etwas schmusen.
Was die vielen Krusten im Nacken und am Hals der Katze erklärte, welche eine reine Drinnenkatze ist und inzwischen ziemlich angepisst war.
Sie lag nur noch auf dem Boden oder auf den Schreibtischen. In. Der. Ganzen. Wohnung.
Es begann eine Zeit, die ich gerne schnell vergessen möchte.
Wenn ich zuhause war, war ich nicht wirklich zuhause. Ich war in einer Wohnung, in der ich mich nirgends mehr hinsetzen wollte. Ich putzte, saugte, räumte auf, räumte weg, schmiss weg. Der Tierarzt gab uns ein Spray für die Polster, auf Silikonbasis, total gesund, Du, sogar für Schwangere geeignet.
Das habe ich schnell ausgetauscht gegen gutes, deutsches Gift. Darauf verstehen sie sich ja, die Menschen von der Chemie, alles, was recht ist. Ich habe die Butze hier in eine no-go-area für alles, was kreucht und fleucht verwandelt. Fogger aufgestellt, die auch die letzte Spinne von der Decke geholt haben. Irgendwann, als ich mal wieder auf allen Vieren über die Böden rutschte (Gott sei dank haben wir nicht einen einzigen Teppich in der Wohnung) und mit grimmiger Genugtuung sterbende und tote Flöhe zählte, schoss mir durch den Kopf, was wäre, wenn die Buddhisten Recht hätten, und ich mir hier gerade mein Karma auf die nächsten sieben Ewigkeiten versaue. Dann fielen mir die unübersehbaren Flohbisse an meinen Knöcheln ein und ich dachte: "Sei's drum."
Es war die Hölle, der einzige Vorteil ist, dass ich ein paar Kilo abgenommen habe.
Langsam bekomme ich die Sache in den Griff.
Dazu kommt, dass ich den Schlamassel nicht unbedingt jedem auf die Nase gebunden habe, weil ich noch bürgerliche Artefakte in mir hege, die das alles etwas peinlich finden.
Bis heute.
Da besuche ich nach der Arbeit liebe Freunde, ich hatte ein paar Streicheleinheiten nötig. Als ich gehe, begleiten mich meine beiden Kumpels noch ein kleines Stück, einer marschiert vor mir, der andere hinter mir, sie intonieren zackige Wachgesänge.
Als wir voneinander scheiden, winkt der Ältere noch einmal und brüllt mir freundlich-solidarisch hinterher:
"Ich hoffe, Du wirst die Flöhe alle los!"
So. Jetzt isses raus.
Hat ja auch was Befreiendes, irgendwie.
Geoutete Flohzirkusdirektorin.
Kann auch nicht jede von sich behaupten.

Neulich, im Laden

Im Laden heute lese ich: Brotarme Wurstträger.
Es weht ein Roman von Dickens durch meine Seele, dunkel, schwer und verwoben.
Abgerissene, hohlwangige Kinder in verdreckten Lumpen, die Dauerwurstprügel für die Reichen Londons durch die Straßen schleppen.
Eine edle Gefallene, ein schurkischer Advokat, ein weiser Kramhändler, ein naiver Lehrling, eine bedrohte Unschuld, alle verstrickt in einer rußverschmierten Stadt voller Ungerechtigkeit und Heldentaten, Liebe und Hass, Mut und Feigheit.

Diese zwei Wörter erwecken Welten.
Schwer fallen die beiden Klunker in mein Wortschatzkästchen, das ich beglückt schließe. Ich werde sie beizeiten hervorholen, wenn die Nächte lang und kalt sind und der Sturm die nackten Äste an den Fensterscheiben kratzen lässt.

Neulich, auf dem CSD

Das Bild ist schon alt. Es stammt vom Kölner CSD 2007 oder 2008.
Ich taufte es: "Das bürgerliche Unbehagen".
Wobei die Eingeschnappte im Hintergrund auch nicht schlecht ist.

Sonntag, 14. Mai 2017

Mutter

Das Bild stammt aus der Süddeutschen Zeitung, leider habe ich keinen Link mehr.

Allen Müttern, vor allem jenen, die am heutigen Tag außerhalb des Fleurop-Hochglanz-Fokus liegen.

Dienstag, 2. Mai 2017

"Ich bin im Tiefbau gelandet?!"

So der Himmelblaue gerade.
Er ist der König der unkonventionellen Gesprächsauftakte. Die lebende Blutgrätsche im normierten Redefluss.
Ich sitze am Rechner und löse Zahlenrätsel.
Die Wohnungstür öffnet sich, der Himmelblaue betritt die Wohnung, bleibt neben mir im Türrahmen stehen und sagt: "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" Empört. 
Wir haben uns seit gestern nicht gesehen. Dennoch. Kein Guten Tag, liebe Mutter, wie geht es Dir, kein Schön Dich zu sehen, meine Erzeugerin, kein Hallo, ich muss schnell aufs Klo. Nein, er stellt sich in den Türrahmen und sagt: "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" Mit besagter Empörung.
Normalerweise bringt mich das latent auf die Palme, dieses Guerilla-Talken, weil der Rest der Unterhaltung darin besteht, ihm jeden weiteren Informationswurm mühsam aus der Nase zu ziehen. Irgendwie denkt er nämlich immer, dass nach einem solchen Auftakt die Dinge glasklar auf der Hand liegen. Heute muss ich kichern, er ist gekränkt. 
Er war beim ersten Probearbeiten in einem Betrieb, bei dem er sich um eine Ausbildungsstelle als Gala-Bauer bewarb. Und der Betrieb scheint sich eher ums Unterirdische zu kümmern. Das ist der Hintergrund.
Ich stelle wenige Fragen, es steht also eine kleine Krise ins Haus, die bekommen wir auch noch aus dem Weg.
Bis dahin freue ich mich, dass einem solche Sätze wie "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" einfach so, im tristen Alltag, unvermutet um die Ohren schwirren wie ein kleiner, exotischer Vogel. Man hat keinen Schimmer, wo er herkam, aber er ist eine schöne Abwechslung.

Freitag, 21. April 2017

"Es ist wie beim Jazz. Der Jazz kennt keine schmutzigen Typen mehr, es ist alles aus und verloren. Überall Till Brönners, die schöne Baby-Musik machen mit Brei-Trompetchen und dafür auch noch gefeiert und herumgereicht werden, wenn auch von den falschen Leuten, auf den falschen Schultern, mit vergifteten Komplimenten.
Wer erinnert sich noch an die alles verschlingende Gier in der Stimme eines Chet Baker, wer an die Schwindsucht eines Charlie Parker, an die herbe Verschwitztheit einer Billie Holiday? Es ist nichts geblieben. Nur weiße, brave, sich selbst feiernde, stinkende Langeweile."
So Herr Andreas Glumm, ein von mir seit Jahren sehr verehrter Schreiber, in seinem Blog 500beine. Ein Zitat für meinen Vater, er weiß, wovon ich spreche.
Du siehst, lieber Herr Papa, wenn Dich die Beine auch gerade ärgern: In der Musik schwimmst Du immer noch ganz vorne weg.
Weitermachen.

Freitag, 14. April 2017

Beim Aldi, beim Bezahlen.
Ein Mann, der sich mir von hinten genähert hatte, sagt mir irgendwie so von der Seite her, dass mein Schlüssel aus der Hosentasche rage, also aus der hinteren Hosentasche, Jeanshosentasche, um genau zu sein. Etwas schulmeisterlich ist er dabei. "Sie wissen, dass Ihnen da der Schlüssel rausguckt?" Ich will die Augen verengen und die Oberlippe schürzen und den Kopf so hin- und herschieben und sagen: "Jaaaa?! Und?!" Ist mir doch wurst, ob der Schlüssel da rausguckt, aus der Gesäßtasche. Stattdessen verdrehe ich mal kurz aber prägnant meine Wirbelsäule und gucke mir selbst auf den Hintern. Und da sehe ich, dass mein Wagenschlüssel sich durch den Stoff der Tasche gebohrt hat und nach außen ragt.
Ach so meint der das.
Verdammt. Eine nächste Hose, die langsam von mir geht. Sie ist mir lieb, die Hose. Verdammt.
Die Aldibetreuerin, die den jungen, anzulernenden Aldimann an der Kasse betreut, beugt sich etwas vor und sagt zu ihm: "Wo guckt der denn hin?!"
Jetzt komme ich ins Straucheln. Ist das weibliche Solidarität, weil mir einer auf den Hintern geguckt hat (was mir bisher nicht aufgefallen war), oder ist sie verwundert, dass man mir aufs Heck linst? Sollte ich sie fragen? Es geht um meine Eitelkeit.
Ich lasse es gut sein.
Der Mann hat einen Schlüssel sich in die Freiheit bohren sehen, nicht mehr, nicht weniger. Keine Flirterei, nur Erstaunen.
An der Einpacktheke ist er plötzlich wieder da. Er hat jetzt den Schulmeister weggepackt und die Plaudertasche rausgeholt. Erzählt mir, dass er sich letztens erst eine Jeans auf seinem Sofa ruiniert hatte, so ein Loch, eine Sprungfeder hatte sich unbemerkt durch das Polster gebohrt.
Ich beschließe, dass der auf keinen Fall flirten will. Ich jedenfalls würde, wenn ich flirten wollte, beim Erstkontakt nicht unbedingt erzählen, dass daheim bei mir die Sprungfedern aus den Sitzmöbeln ragen. Bei mir zumindest hat das keinen günstigen Eindruck hinterlassen. Obwohl er sehr adrett gekleidet war.  Vielleicht bin ich auch einfach zu alt für diesen Scheiß.
Ich verabschiede mich mit einem jovialen Sachen gibts und wende mich zum Ausgang.

Beim Gehen winkt ihm mein Autoschlüssel freundlich zum Abschied.

Donnerstag, 13. April 2017

Ich bekomme den Hintern nicht hoch.
Manchmal ist das so.
Er, der Hintern, ist rein optisch noch noch voll im Rahmen. Aber gefühlt tonnenschwer. Jeder Handgriff im Haushalt eine Pein und Überwindung. Jedes Muss ein schmieriger Widerling.
Ist halt manchmal so.
Aber Simson hat jetzt frei, sie muss nur noch zu den Abiprüfungen in die Schule. Und da mein Auto in die Werkstatt musste und hier Elektromüll rumstand, und da die jugendlich-frische Präsenz Simsons mir einen Hauch meines alten Mojos verlieh, verkündigte ich ihr, dass wir zwei jetzt zum städtischen Recyclinghof führen, um den alten Krempel zu entsorgen, und danach das Auto in die Waschstraße brächten, um es innen und außen gründlich zu reinigen. Das fand Simson gut, für so etwas ist sie immer zu haben.
Auf dem Weg zum Recyclinghof bekam ich eine ungute Ahnung, die sich bewahrheiten sollte: Die Autoschlange zum Ziel war so lang, dass sie um die Ecke reichte. Das Ziel nicht vor Augen, fiel meine Motivation, das zarte Pflänzchen, in sich zusammen wie ein Soufflé im Durchzug: Ich dachte: "Pfeif auf den Elektroschrott, ab zur Waschstraße." Dann fiel mir ein, dass wir dann den Kofferraum nicht saugen könnten, weil der voll ist mit Elektroschrott. Warum machen wir das dann hier?! Meine Motivation ging jetzt endgültig zu Boden wie Robben im Strafraum: Kaum touchiert, aber winselnd und klagend.
Und in dieses entwürdigende innere Schauspiel, das ich mir da gerade gab, schweigend und erstarrt, in diese ca. vier Sekunden nicht geäußerten, emotionalen Meltdowns, kam die Stimme Simsons, sprach es rechts von mir, klar, ruhig, unmissverständlich und ohne jede Chance auf Widerstand:
"Wir ziehen das jetzt durch."
Sie ließ ihr Fenster ein Stück herab und vertiefte sich interessiert in ihr Handy. Als sei nichts passiert.
Ich stellte den Motor ab und dachte darüber nach, wie sehr ich diesen entschlossenen Mensch neben mir liebe.

Mittwoch, 12. April 2017


Auf der Autobahn, bei voller Fahrt, geht im Display ein Lämpchen an, begleitet von einem unangenehmen Piepton. Volle Triggerung, der Schreck schießt mir schmerzhaft in die Fingerspitzen, mein Mund wird trocken, Herzrasen. Gerade, als ich mich etwas beruhigt habe, springt mit unangenehmem Piepton die zweite Warnleuchte an.
Ich drehe die Musik auf maximale Lautstärke, um mir zukünftige Pieptöne zu ersparen.
Schostakovitsch, 2. Walzer, volle Orchestrierung, voller Klang.
Die Fahrt bekommt etwas Unwirkliches, ich werde zur schaukelnden Allegorie. Russische Dekadenz sickert in die Schaltkreise.
Die stummen Geister aller versäumten Inspektionen erscheinen mir und deuten schweigend auf die Motorhaube.
Das Gewissen schlägt mich hart.
Bin ich eine Alexandra Fjodorowna, die das Keuchen der Arbeiterklasse zu lange ignorierte und nun verdient auf Bajonette starrt?
Kommen sie mich jetzt holen?
Als ich die Autobahn verlasse, setzt Tschaikowski ein, Polonaise, Eugen Onegin. Stolz und Optimismus fluten das Auto und richten mein Gemüt wieder auf.
An der Ampel glotzen die vier Knilche im Wagen neben mir scheel rüber. Nicht das übliche Bum-Bum. Sollen sie. 
Sie haben ja keine Ahnung, was sich hier abspielte.

Freitag, 11. November 2016

Selige 70er

Liebe Mutter, guck mal!

Was Farben, Frisuren und Kragen angeht, haben wir alle gewonnen, finde ich...


Freitag, 28. Oktober 2016

Brumm Brumm



Draußen vor dem Balkon stehen drei (!) GaLa-Knilche in signalfarbenen Westen und lassen ihre Laubbläser dröhnen.

Ich möchte hiermit ein für allemal klarstellen, dass ich Laubbläser für eine sinnfreie Einrichtung für junggebliebene Männer halte. Deren Faszination offensichtlich auch in den höchsten Kreisen noch wirkt.

Ich versteh mein eigenes Wort nicht mehr.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Herbstblues

Meine Oma hat mir früher auf die Butterkekse von Bahlsen Butter geschmiert, das ist saulecker.
So eine Oma war das. Ein Vollprofi im Oma-Business.
Wenn sie mir einen frischen Orangensaft machte, dann hat sie nicht nur ein paar Orangen ausgepresst. Sie hat den Saft zusammen mit Zucker und Sahne verquirlt, mit ihrem Handmixer, bis das Getränk schaumig und göttlich war. Sie sagte dann: "Das tut Dir gut, mein Kind." Das hat sie wirklich gesagt.
So eine Oma war das. Eine Michelangela der Fürsorglichkeit.
Wenn es Winter war und die Tage kurz und dunkel, dann hat sie die Höhensonne rausgeholt und mich welkes Stadtpflänzchen davor gesetzt, meine Augen mit einer Schutzbrille versehen, die volle UV-Dröhnung. Danach schmierte sie mir Bébé-Creme ins Gesicht, einen Zentimeter dick, und stellte sich vielleicht vor, wir wären gemeinsam in ihrer geliebten Schweiz.
So eine Oma war das. Unschlagbar.
Sie nannte Grapefruits "Pampelmusen" und manche Frauen "apart".
Eine Frau Waas mit Weltklasse.
Freundlich und gütig. Ich habe sie nie, in dreißig Jahren nicht, jemals schlecht über einen Menschen sprechen hören. Vielleicht hat sie das mal, aber nicht in meiner Anwesenheit. Alles, was hart war oder bedrohlich oder schmutzig oder gemein oder zynisch hatte Hausverbot, jedenfalls, wenn ich da war, oder mein Bruder oder ein anderes Kind unserer Familie. Nicht ein einziges Mal war sie ungeduldig mit mir, in dreißig Jahren nicht.
Manchmal saß ich in ihrer Küche und erzählte ihr Dinge, während sie abwusch oder kochte oder Teig knetete. Sie sagte dann in meinen Redefluss Dinge wie "Sicher, mein Schatz", zerstreut, aber mit dieser warmen Güte, und ich wusste, dass sie mir gerade null zuhörte und mit ihren Gedanken ganz woanders war, und es war mir egal. Wir freuten uns, dass wir beisammen waren und machten unser Ding, wir beiden Lotten.
Manchmal erzählte sie uns die Geschichten, wie sie damals nach dem Krieg Schnaps in den britischen Sektor schmuggelte, durch den nachtfinsteren Harz, und gegen Essen tauschte. Da konnte ich nicht genug von bekommen, von diesen Räuberpistolen. 
Heute ist so ein Tag, da hätte ich nichts gegen eine Runde Höhensonne, und danach einen Orangenshake à la maison. Und vielleicht ein bisschen quatschen und eine spannende Schmugglergeschichte.
Das wäre nicht schlecht.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Und vorbei

mit der Herbstromantik.

Morgens um sieben finster wie im *rsch, der Himmel dann im Laufe des Tages ein überzeugender Suizidberater und unter den Sohlen beider Paare winterfester Schuhe Hundescheiße.

Ich hab den Kanal jetzt schon voll. Und das so weiter bis März...

"Was tun?", fragte die Lässige.
"Saufen und einen Bestseller schreiben." sagte ich.
"Du schreibst, ich saufe.", antwortete sie.

Da muss ich noch drüber nachdenken, ehrlich.

Samstag, 15. Oktober 2016

24.08.2016


Es geht schon wieder los.

Der erste Hauch Frühherbst, eine bestimmte Färbung im Sonnenlicht, und die Sehnsucht rauscht mir durchs Gemüt. Wasser, Klänge, Auflösung in was weiß ich, des Welt-Atems wehendes All vermutlich, die Sehnsucht packt mich am Schlafittchen und zieht mich durch die Landschaft. Ein ächzender von Aschenbach, hänge ich im Liegestuhl und folge der weißen Hand, die anmutig und mitleidlos übers Wasser weist. Der unbeteiligte Hinweis der Schönheit, dass alles sterben wird, es bis dahin allerdings so reich sein kann, so süß, so tief und berührend... Dass auch dieser Sommer gehen wird, um dem Herbst zu weichen, diesem Schönsten, dem Chef im Ästhetik-Ring. Und ich so: Sehnsucht! Wonach? Keine Ahnung. Es zieht mich. Nach vorn, in die Erwartung, nach hinten, in die Trauer.

Und zu Dir, immer zu Dir, bist Du nicht bei mir.

Gestern schwamm ein Blatt übers klare Wasser. Ein flacher Brunnen mit hellem Boden. Ich folge den Schattenmustern am Grund des Brunnens, den Schatten der kleinen Wellen, dem Schatten des Blatts. Als das Blatt über ein chrompoliertes Element schwimmt, spiegelt sich seine Farbe im Metall, ein unscharfer, goldener Fleck, der durchs Wasser tanzt, durch dieses Meer von Licht. So schön, dass ich kaum hingucken kann.

Du hättest es gewusst.

Ich betrachte meine nackten Füße im Wasser. Ich betrachte meinen kleinen Begleiter, der durch den Brunnen pflügt, ein Projekt verfolgt. Ab und an bringt er mir eine nasse Feder, die ich dann am Brunnenrand trocknen lasse. Wind, Wärme. Kühle und Klarheit. Liebe. Ich lebe.

Du hättest es gewusst.

Samstag, 8. Oktober 2016

Ich esse Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne. Dabei schaue ich einen alten Gruselfilm.
Ich bin 46 Jahre alt. Genau so gut könnte ich 48 Jahre alt sein.
Genau so gut hätte ich mir die letzten 36 Jahre sparen können.
Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne und dazu ein Gruselfilm ist gut. Mehr braucht es nicht. Mehr sollte nicht sein. Mehr sollte nicht erstrebt werden. Mehr sollte nicht erwartet werden.
"Weiß Du schon, was Du später einmal tun willst?"
"Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne essen, dazu einen Gruselfilm schauen."
Eine Gruft, bunt bemalte Styropor-Wände, übertriebene Spinnenweben, ein leidender Ehemann, der einst seine Frau erschlug und jetzt von ihrem Geist heimgesucht wird. Er sucht sie, ruft sie, unheimlich hallt Ihre Antwort, er leidet, er liebt noch. Boris Karloff spielt den Ehemann. Der Film ist ein frühes Coppola-Movie. Am Ende stellt sich heraus, dass der Ehemann nicht der Ehemann ist, sondern der Geliebte der erschlagenen Ehefrau, der den Ehemann erschlug und jetzt in dem Glauben lebt, der Ehemann zu sein. Der Geist der erschlagenen Frau verführt ihn zum Selbstmord. Boris Karloff soll erstaunt gewesen sein, als man ihm später die Handlung des Films erzählte.
Das und Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne.
Reicht doch.
Fast.

Donnerstag, 22. September 2016

Ungut


Ich warte im Auto an einer roten Ampel.
Rechts von mir ein Ladenlokal, das zu einer Ausgabestelle umfunktioniert wurde. Geflüchtete Menschen können sich hier Kleidung und Dinge holen, die sie benötigen. Auf dem Bürgersteig stehen Familien, Frauen mit Kindern, Männer, einer trägt ein Baby.
Da ist dieser Junge, vielleicht zehn Jahre alt. Er trägt ein blaues Fußball-Trikot. Er fährt ein zu großes Damenrad, er fährt es ein, noch schwankt er etwas. Sein Vater ruft ihm Dinge zu.
Ich frage mich, ob der Junge den gleichen rauschenden Stolz fühlt wie ich damals, als ich das Fahrradfahren anfing zu beherrschen. 
Ich schaue in den Rückspiegel. Die Frau im Wagen hinter mir lehnt über den Beifahrersitz. Mit ausgestreckten Armen fotografiert sie die Menschengruppe. Sie hält ihr Handy quer, um alles draufzubekommen. Dann lässt sie die Arme sinken und beginnt zu texten.
Ich weiß nicht, was sie schreibt und warum sie es schreibt. Ich mag offene Situationen. 
Eigentlich.
Eigentlich hätte ich die nächsten 20 oder 30 Minuten damit verbracht, im Kopf Skizzen zu entwerfen, wer die Frau ist und warum sie fotografierte. Es hätte mir Freude bereitet, es wäre lebendig gewesen.
Jetzt aber zieht sich mein Magen zusammen. Wut kommt. Zweifel, ob ich der Frau Unrecht tue. 
Anstatt im Kopf vergnügt zu skizzieren, anstatt verschiedene Realitäten und Lesbarkeiten auszuprobieren fürchte ich, Zeugin eines ungehörigen Aktes geworden zu sein und fürchte ich gleichzeitig, paranoid zu sein.
Ich will das nicht.
Die Rechten haben es geschafft, bei mir jedenfalls.
Ich habe Angst und ich habe das Gefühl, dass sich unser Land unangenehm verändert hat. Ich habe Angst vor den Rechten. Ich finde, sie verändern das Klima.
Später schaue ich erneut in den Rückspiegel.
Die Frau hinter mir ist vielleicht Ende 40, blondgefärbte Kurzhaarfrisur und in den Ohren große Creolen. Sie schaukeln im Takt mit dem Nippes, der an ihrem Rückspiegel baumelt. Sie kaut mit offenem Mund Kaugummi und blickt teilnahmslos auf den Verkehr.
Es fällt mir zu ihr nichts ein, nichts Gutes und nichts Schlechtes, nichts Fröhliches oder Tragisches. Sie ist eine mittelalte Frau in einem südkoreanischen Kleinwagen, mehr nicht.
Ich mag es nicht