Samstag, 7. Oktober 2017

Frau Grabowski, die oben in der Mansardenwohnung in unserem Mietshaus wohnte, damals, vor einer Ewigkeit.
Ich erinnere mich an sie und erinnere mich nicht. Ich weiß nicht mehr, wie sie aussah oder wie sie klang.
Ein paar mal war ich in ihrer kleinen Wohnung, saß dort auf dem Sofa und machte etwas Konversation.
Brauntöne, schummriges Licht, Stille.
Ich mochte Frau Grabowski, auf eine befangene Art. Ich glaube, wir waren beide befangen, wenn ich sie besuchte. Keine Ahnung, wie eine Vier- oder Fünfjährige auf dem Sofa einer alten Dame landet, mit der sie nicht verwandt ist, ein Höflichkeitsbesuch wohl. Offensichtlich überfiel Frau Grabowski mich nicht mit Fragen oder Süßigkeiten oder Euphorie oder anderen Aufdringlichkeiten, da würde ich mich dran erinnern. Es war ruhig.
Ich fragte mich damals immer still, auf welche mirakulöse Art sie mit dem gleichnamigen Maulwurf aus meinem Bilderbuch verbunden war. Denn dass sie es war, dessen war ich mir sicher. Die ganzen Brauntöne, die Dunkelheit, dieser Hauch von Trauer, der in jedem Winkel ihrer Wohnung zu schlummern schien.
Ob sie das Buch gar geschrieben hatte? Ich traute mich nicht zu fragen.
Es war Anfang der Siebziger Jahre, und sie war schon eine alte Frau.
Sie schien keine Familie gehabt zu haben. 
Ich möchte wissen, wer sie war. Ich möchte wissen, wo sie herkam und wohin sie später ging. Ich möchte wissen, was sie besaß, was sie träumte, was sie verlor. Ich möchte ihre Erinnerungen.
Ich möchte Fragen stellen, die eine befangene Vier- oder Fünfjährige, die auf Höflichkeitsvisite geschickt wurde, nicht stellt.
Frau Grabowski ist fort, gegangen.
Es sind Spuren, die mich beschäftigen. 
Menschen, die gehen, ohne je eine Spur zu hinterlassen.
Auf Friedhöfen finden sie sich häufig, vernachlässigte Gräber, auf dem Grabstein ein einzelner Name, darunter zwei Daten. Mehr nicht.
Von den beiden Daten eingefasst ein Leben, das von niemandem mehr bezeugt wird.
Was mag alles zwischen diesen beiden Daten gelegen haben? Ein Universum an Möglichkeiten, ein ungeheurer Reichtum. Aber was auch immer es war, jetzt ist es vergangen und weggeweht, eine leichte Brise reichte aus.

Es ist diese Flüchtigkeit.

Es ist Herbst.

Sonntag, 10. September 2017

Es begab sich aber

vor ein paar längeren Tagen, dass Simson, auf dem Wohnzimmersofa liegend, ebendort kleine, schwarze, lustig springende Pünktchen entdeckte. Welche sich als Flöhe herausstellten, welche offenbar eingeschleppt worden waren vom Kater, der ein Draußenkater ist und nur ab und an hereinkommt, etwas fressen und etwas schmusen.
Was die vielen Krusten im Nacken und am Hals der Katze erklärte, welche eine reine Drinnenkatze ist und inzwischen ziemlich angepisst war.
Sie lag nur noch auf dem Boden oder auf den Schreibtischen. In. Der. Ganzen. Wohnung.
Es begann eine Zeit, die ich gerne schnell vergessen möchte.
Wenn ich zuhause war, war ich nicht wirklich zuhause. Ich war in einer Wohnung, in der ich mich nirgends mehr hinsetzen wollte. Ich putzte, saugte, räumte auf, räumte weg, schmiss weg. Der Tierarzt gab uns ein Spray für die Polster, auf Silikonbasis, total gesund, Du, sogar für Schwangere geeignet.
Das habe ich schnell ausgetauscht gegen gutes, deutsches Gift. Darauf verstehen sie sich ja, die Menschen von der Chemie, alles, was recht ist. Ich habe die Butze hier in eine no-go-area für alles, was kreucht und fleucht verwandelt. Fogger aufgestellt, die auch die letzte Spinne von der Decke geholt haben. Irgendwann, als ich mal wieder auf allen Vieren über die Böden rutschte (Gott sei dank haben wir nicht einen einzigen Teppich in der Wohnung) und mit grimmiger Genugtuung sterbende und tote Flöhe zählte, schoss mir durch den Kopf, was wäre, wenn die Buddhisten Recht hätten, und ich mir hier gerade mein Karma auf die nächsten sieben Ewigkeiten versaue. Dann fielen mir die unübersehbaren Flohbisse an meinen Knöcheln ein und ich dachte: "Sei's drum."
Es war die Hölle, der einzige Vorteil ist, dass ich ein paar Kilo abgenommen habe.
Langsam bekomme ich die Sache in den Griff.
Dazu kommt, dass ich den Schlamassel nicht unbedingt jedem auf die Nase gebunden habe, weil ich noch bürgerliche Artefakte in mir hege, die das alles etwas peinlich finden.
Bis heute.
Da besuche ich nach der Arbeit liebe Freunde, ich hatte ein paar Streicheleinheiten nötig. Als ich gehe, begleiten mich meine beiden Kumpels noch ein kleines Stück, einer marschiert vor mir, der andere hinter mir, sie intonieren zackige Wachgesänge.
Als wir voneinander scheiden, winkt der Ältere noch einmal und brüllt mir freundlich-solidarisch hinterher:
"Ich hoffe, Du wirst die Flöhe alle los!"
So. Jetzt isses raus.
Hat ja auch was Befreiendes, irgendwie.
Geoutete Flohzirkusdirektorin.
Kann auch nicht jede von sich behaupten.

Neulich, im Laden

Im Laden heute lese ich: Brotarme Wurstträger.
Es weht ein Roman von Dickens durch meine Seele, dunkel, schwer und verwoben.
Abgerissene, hohlwangige Kinder in verdreckten Lumpen, die Dauerwurstprügel für die Reichen Londons durch die Straßen schleppen.
Eine edle Gefallene, ein schurkischer Advokat, ein weiser Kramhändler, ein naiver Lehrling, eine bedrohte Unschuld, alle verstrickt in einer rußverschmierten Stadt voller Ungerechtigkeit und Heldentaten, Liebe und Hass, Mut und Feigheit.

Diese zwei Wörter erwecken Welten.
Schwer fallen die beiden Klunker in mein Wortschatzkästchen, das ich beglückt schließe. Ich werde sie beizeiten hervorholen, wenn die Nächte lang und kalt sind und der Sturm die nackten Äste an den Fensterscheiben kratzen lässt.

Neulich, auf dem CSD

Das Bild ist schon alt. Es stammt vom Kölner CSD 2007 oder 2008.
Ich taufte es: "Das bürgerliche Unbehagen".
Wobei die Eingeschnappte im Hintergrund auch nicht schlecht ist.

Sonntag, 14. Mai 2017

Mutter

Das Bild stammt aus der Süddeutschen Zeitung, leider habe ich keinen Link mehr.

Allen Müttern, vor allem jenen, die am heutigen Tag außerhalb des Fleurop-Hochglanz-Fokus liegen.

Dienstag, 2. Mai 2017

"Ich bin im Tiefbau gelandet?!"

So der Himmelblaue gerade.
Er ist der König der unkonventionellen Gesprächsauftakte. Die lebende Blutgrätsche im normierten Redefluss.
Ich sitze am Rechner und löse Zahlenrätsel.
Die Wohnungstür öffnet sich, der Himmelblaue betritt die Wohnung, bleibt neben mir im Türrahmen stehen und sagt: "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" Empört. 
Wir haben uns seit gestern nicht gesehen. Dennoch. Kein Guten Tag, liebe Mutter, wie geht es Dir, kein Schön Dich zu sehen, meine Erzeugerin, kein Hallo, ich muss schnell aufs Klo. Nein, er stellt sich in den Türrahmen und sagt: "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" Mit besagter Empörung.
Normalerweise bringt mich das latent auf die Palme, dieses Guerilla-Talken, weil der Rest der Unterhaltung darin besteht, ihm jeden weiteren Informationswurm mühsam aus der Nase zu ziehen. Irgendwie denkt er nämlich immer, dass nach einem solchen Auftakt die Dinge glasklar auf der Hand liegen. Heute muss ich kichern, er ist gekränkt. 
Er war beim ersten Probearbeiten in einem Betrieb, bei dem er sich um eine Ausbildungsstelle als Gala-Bauer bewarb. Und der Betrieb scheint sich eher ums Unterirdische zu kümmern. Das ist der Hintergrund.
Ich stelle wenige Fragen, es steht also eine kleine Krise ins Haus, die bekommen wir auch noch aus dem Weg.
Bis dahin freue ich mich, dass einem solche Sätze wie "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" einfach so, im tristen Alltag, unvermutet um die Ohren schwirren wie ein kleiner, exotischer Vogel. Man hat keinen Schimmer, wo er herkam, aber er ist eine schöne Abwechslung.

Freitag, 21. April 2017

"Es ist wie beim Jazz. Der Jazz kennt keine schmutzigen Typen mehr, es ist alles aus und verloren. Überall Till Brönners, die schöne Baby-Musik machen mit Brei-Trompetchen und dafür auch noch gefeiert und herumgereicht werden, wenn auch von den falschen Leuten, auf den falschen Schultern, mit vergifteten Komplimenten.
Wer erinnert sich noch an die alles verschlingende Gier in der Stimme eines Chet Baker, wer an die Schwindsucht eines Charlie Parker, an die herbe Verschwitztheit einer Billie Holiday? Es ist nichts geblieben. Nur weiße, brave, sich selbst feiernde, stinkende Langeweile."
So Herr Andreas Glumm, ein von mir seit Jahren sehr verehrter Schreiber, in seinem Blog 500beine. Ein Zitat für meinen Vater, er weiß, wovon ich spreche.
Du siehst, lieber Herr Papa, wenn Dich die Beine auch gerade ärgern: In der Musik schwimmst Du immer noch ganz vorne weg.
Weitermachen.

Freitag, 14. April 2017

Beim Aldi, beim Bezahlen.
Ein Mann, der sich mir von hinten genähert hatte, sagt mir irgendwie so von der Seite her, dass mein Schlüssel aus der Hosentasche rage, also aus der hinteren Hosentasche, Jeanshosentasche, um genau zu sein. Etwas schulmeisterlich ist er dabei. "Sie wissen, dass Ihnen da der Schlüssel rausguckt?" Ich will die Augen verengen und die Oberlippe schürzen und den Kopf so hin- und herschieben und sagen: "Jaaaa?! Und?!" Ist mir doch wurst, ob der Schlüssel da rausguckt, aus der Gesäßtasche. Stattdessen verdrehe ich mal kurz aber prägnant meine Wirbelsäule und gucke mir selbst auf den Hintern. Und da sehe ich, dass mein Wagenschlüssel sich durch den Stoff der Tasche gebohrt hat und nach außen ragt.
Ach so meint der das.
Verdammt. Eine nächste Hose, die langsam von mir geht. Sie ist mir lieb, die Hose. Verdammt.
Die Aldibetreuerin, die den jungen, anzulernenden Aldimann an der Kasse betreut, beugt sich etwas vor und sagt zu ihm: "Wo guckt der denn hin?!"
Jetzt komme ich ins Straucheln. Ist das weibliche Solidarität, weil mir einer auf den Hintern geguckt hat (was mir bisher nicht aufgefallen war), oder ist sie verwundert, dass man mir aufs Heck linst? Sollte ich sie fragen? Es geht um meine Eitelkeit.
Ich lasse es gut sein.
Der Mann hat einen Schlüssel sich in die Freiheit bohren sehen, nicht mehr, nicht weniger. Keine Flirterei, nur Erstaunen.
An der Einpacktheke ist er plötzlich wieder da. Er hat jetzt den Schulmeister weggepackt und die Plaudertasche rausgeholt. Erzählt mir, dass er sich letztens erst eine Jeans auf seinem Sofa ruiniert hatte, so ein Loch, eine Sprungfeder hatte sich unbemerkt durch das Polster gebohrt.
Ich beschließe, dass der auf keinen Fall flirten will. Ich jedenfalls würde, wenn ich flirten wollte, beim Erstkontakt nicht unbedingt erzählen, dass daheim bei mir die Sprungfedern aus den Sitzmöbeln ragen. Bei mir zumindest hat das keinen günstigen Eindruck hinterlassen. Obwohl er sehr adrett gekleidet war.  Vielleicht bin ich auch einfach zu alt für diesen Scheiß.
Ich verabschiede mich mit einem jovialen Sachen gibts und wende mich zum Ausgang.

Beim Gehen winkt ihm mein Autoschlüssel freundlich zum Abschied.

Donnerstag, 13. April 2017

Ich bekomme den Hintern nicht hoch.
Manchmal ist das so.
Er, der Hintern, ist rein optisch noch noch voll im Rahmen. Aber gefühlt tonnenschwer. Jeder Handgriff im Haushalt eine Pein und Überwindung. Jedes Muss ein schmieriger Widerling.
Ist halt manchmal so.
Aber Simson hat jetzt frei, sie muss nur noch zu den Abiprüfungen in die Schule. Und da mein Auto in die Werkstatt musste und hier Elektromüll rumstand, und da die jugendlich-frische Präsenz Simsons mir einen Hauch meines alten Mojos verlieh, verkündigte ich ihr, dass wir zwei jetzt zum städtischen Recyclinghof führen, um den alten Krempel zu entsorgen, und danach das Auto in die Waschstraße brächten, um es innen und außen gründlich zu reinigen. Das fand Simson gut, für so etwas ist sie immer zu haben.
Auf dem Weg zum Recyclinghof bekam ich eine ungute Ahnung, die sich bewahrheiten sollte: Die Autoschlange zum Ziel war so lang, dass sie um die Ecke reichte. Das Ziel nicht vor Augen, fiel meine Motivation, das zarte Pflänzchen, in sich zusammen wie ein Soufflé im Durchzug: Ich dachte: "Pfeif auf den Elektroschrott, ab zur Waschstraße." Dann fiel mir ein, dass wir dann den Kofferraum nicht saugen könnten, weil der voll ist mit Elektroschrott. Warum machen wir das dann hier?! Meine Motivation ging jetzt endgültig zu Boden wie Robben im Strafraum: Kaum touchiert, aber winselnd und klagend.
Und in dieses entwürdigende innere Schauspiel, das ich mir da gerade gab, schweigend und erstarrt, in diese ca. vier Sekunden nicht geäußerten, emotionalen Meltdowns, kam die Stimme Simsons, sprach es rechts von mir, klar, ruhig, unmissverständlich und ohne jede Chance auf Widerstand:
"Wir ziehen das jetzt durch."
Sie ließ ihr Fenster ein Stück herab und vertiefte sich interessiert in ihr Handy. Als sei nichts passiert.
Ich stellte den Motor ab und dachte darüber nach, wie sehr ich diesen entschlossenen Mensch neben mir liebe.

Mittwoch, 12. April 2017


Auf der Autobahn, bei voller Fahrt, geht im Display ein Lämpchen an, begleitet von einem unangenehmen Piepton. Volle Triggerung, der Schreck schießt mir schmerzhaft in die Fingerspitzen, mein Mund wird trocken, Herzrasen. Gerade, als ich mich etwas beruhigt habe, springt mit unangenehmem Piepton die zweite Warnleuchte an.
Ich drehe die Musik auf maximale Lautstärke, um mir zukünftige Pieptöne zu ersparen.
Schostakovitsch, 2. Walzer, volle Orchestrierung, voller Klang.
Die Fahrt bekommt etwas Unwirkliches, ich werde zur schaukelnden Allegorie. Russische Dekadenz sickert in die Schaltkreise.
Die stummen Geister aller versäumten Inspektionen erscheinen mir und deuten schweigend auf die Motorhaube.
Das Gewissen schlägt mich hart.
Bin ich eine Alexandra Fjodorowna, die das Keuchen der Arbeiterklasse zu lange ignorierte und nun verdient auf Bajonette starrt?
Kommen sie mich jetzt holen?
Als ich die Autobahn verlasse, setzt Tschaikowski ein, Polonaise, Eugen Onegin. Stolz und Optimismus fluten das Auto und richten mein Gemüt wieder auf.
An der Ampel glotzen die vier Knilche im Wagen neben mir scheel rüber. Nicht das übliche Bum-Bum. Sollen sie. 
Sie haben ja keine Ahnung, was sich hier abspielte.

Freitag, 11. November 2016

Selige 70er

Liebe Mutter, guck mal!

Was Farben, Frisuren und Kragen angeht, haben wir alle gewonnen, finde ich...


Freitag, 28. Oktober 2016

Brumm Brumm



Draußen vor dem Balkon stehen drei (!) GaLa-Knilche in signalfarbenen Westen und lassen ihre Laubbläser dröhnen.

Ich möchte hiermit ein für allemal klarstellen, dass ich Laubbläser für eine sinnfreie Einrichtung für junggebliebene Männer halte. Deren Faszination offensichtlich auch in den höchsten Kreisen noch wirkt.

Ich versteh mein eigenes Wort nicht mehr.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Herbstblues

Meine Oma hat mir früher auf die Butterkekse von Bahlsen Butter geschmiert, das ist saulecker.
So eine Oma war das. Ein Vollprofi im Oma-Business.
Wenn sie mir einen frischen Orangensaft machte, dann hat sie nicht nur ein paar Orangen ausgepresst. Sie hat den Saft zusammen mit Zucker und Sahne verquirlt, mit ihrem Handmixer, bis das Getränk schaumig und göttlich war. Sie sagte dann: "Das tut Dir gut, mein Kind." Das hat sie wirklich gesagt.
So eine Oma war das. Eine Michelangela der Fürsorglichkeit.
Wenn es Winter war und die Tage kurz und dunkel, dann hat sie die Höhensonne rausgeholt und mich welkes Stadtpflänzchen davor gesetzt, meine Augen mit einer Schutzbrille versehen, die volle UV-Dröhnung. Danach schmierte sie mir Bébé-Creme ins Gesicht, einen Zentimeter dick, und stellte sich vielleicht vor, wir wären gemeinsam in ihrer geliebten Schweiz.
So eine Oma war das. Unschlagbar.
Sie nannte Grapefruits "Pampelmusen" und manche Frauen "apart".
Eine Frau Waas mit Weltklasse.
Freundlich und gütig. Ich habe sie nie, in dreißig Jahren nicht, jemals schlecht über einen Menschen sprechen hören. Vielleicht hat sie das mal, aber nicht in meiner Anwesenheit. Alles, was hart war oder bedrohlich oder schmutzig oder gemein oder zynisch hatte Hausverbot, jedenfalls, wenn ich da war, oder mein Bruder oder ein anderes Kind unserer Familie. Nicht ein einziges Mal war sie ungeduldig mit mir, in dreißig Jahren nicht.
Manchmal saß ich in ihrer Küche und erzählte ihr Dinge, während sie abwusch oder kochte oder Teig knetete. Sie sagte dann in meinen Redefluss Dinge wie "Sicher, mein Schatz", zerstreut, aber mit dieser warmen Güte, und ich wusste, dass sie mir gerade null zuhörte und mit ihren Gedanken ganz woanders war, und es war mir egal. Wir freuten uns, dass wir beisammen waren und machten unser Ding, wir beiden Lotten.
Manchmal erzählte sie uns die Geschichten, wie sie damals nach dem Krieg Schnaps in den britischen Sektor schmuggelte, durch den nachtfinsteren Harz, und gegen Essen tauschte. Da konnte ich nicht genug von bekommen, von diesen Räuberpistolen. 
Heute ist so ein Tag, da hätte ich nichts gegen eine Runde Höhensonne, und danach einen Orangenshake à la maison. Und vielleicht ein bisschen quatschen und eine spannende Schmugglergeschichte.
Das wäre nicht schlecht.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Und vorbei

mit der Herbstromantik.

Morgens um sieben finster wie im *rsch, der Himmel dann im Laufe des Tages ein überzeugender Suizidberater und unter den Sohlen beider Paare winterfester Schuhe Hundescheiße.

Ich hab den Kanal jetzt schon voll. Und das so weiter bis März...

"Was tun?", fragte die Lässige.
"Saufen und einen Bestseller schreiben." sagte ich.
"Du schreibst, ich saufe.", antwortete sie.

Da muss ich noch drüber nachdenken, ehrlich.

Samstag, 15. Oktober 2016

24.08.2016


Es geht schon wieder los.

Der erste Hauch Frühherbst, eine bestimmte Färbung im Sonnenlicht, und die Sehnsucht rauscht mir durchs Gemüt. Wasser, Klänge, Auflösung in was weiß ich, des Welt-Atems wehendes All vermutlich, die Sehnsucht packt mich am Schlafittchen und zieht mich durch die Landschaft. Ein ächzender von Aschenbach, hänge ich im Liegestuhl und folge der weißen Hand, die anmutig und mitleidlos übers Wasser weist. Der unbeteiligte Hinweis der Schönheit, dass alles sterben wird, es bis dahin allerdings so reich sein kann, so süß, so tief und berührend... Dass auch dieser Sommer gehen wird, um dem Herbst zu weichen, diesem Schönsten, dem Chef im Ästhetik-Ring. Und ich so: Sehnsucht! Wonach? Keine Ahnung. Es zieht mich. Nach vorn, in die Erwartung, nach hinten, in die Trauer.

Und zu Dir, immer zu Dir, bist Du nicht bei mir.

Gestern schwamm ein Blatt übers klare Wasser. Ein flacher Brunnen mit hellem Boden. Ich folge den Schattenmustern am Grund des Brunnens, den Schatten der kleinen Wellen, dem Schatten des Blatts. Als das Blatt über ein chrompoliertes Element schwimmt, spiegelt sich seine Farbe im Metall, ein unscharfer, goldener Fleck, der durchs Wasser tanzt, durch dieses Meer von Licht. So schön, dass ich kaum hingucken kann.

Du hättest es gewusst.

Ich betrachte meine nackten Füße im Wasser. Ich betrachte meinen kleinen Begleiter, der durch den Brunnen pflügt, ein Projekt verfolgt. Ab und an bringt er mir eine nasse Feder, die ich dann am Brunnenrand trocknen lasse. Wind, Wärme. Kühle und Klarheit. Liebe. Ich lebe.

Du hättest es gewusst.

Samstag, 8. Oktober 2016

Ich esse Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne. Dabei schaue ich einen alten Gruselfilm.
Ich bin 46 Jahre alt. Genau so gut könnte ich 48 Jahre alt sein.
Genau so gut hätte ich mir die letzten 36 Jahre sparen können.
Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne und dazu ein Gruselfilm ist gut. Mehr braucht es nicht. Mehr sollte nicht sein. Mehr sollte nicht erstrebt werden. Mehr sollte nicht erwartet werden.
"Weiß Du schon, was Du später einmal tun willst?"
"Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne essen, dazu einen Gruselfilm schauen."
Eine Gruft, bunt bemalte Styropor-Wände, übertriebene Spinnenweben, ein leidender Ehemann, der einst seine Frau erschlug und jetzt von ihrem Geist heimgesucht wird. Er sucht sie, ruft sie, unheimlich hallt Ihre Antwort, er leidet, er liebt noch. Boris Karloff spielt den Ehemann. Der Film ist ein frühes Coppola-Movie. Am Ende stellt sich heraus, dass der Ehemann nicht der Ehemann ist, sondern der Geliebte der erschlagenen Ehefrau, der den Ehemann erschlug und jetzt in dem Glauben lebt, der Ehemann zu sein. Der Geist der erschlagenen Frau verführt ihn zum Selbstmord. Boris Karloff soll erstaunt gewesen sein, als man ihm später die Handlung des Films erzählte.
Das und Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne.
Reicht doch.
Fast.

Donnerstag, 22. September 2016

Ungut


Ich warte im Auto an einer roten Ampel.
Rechts von mir ein Ladenlokal, das zu einer Ausgabestelle umfunktioniert wurde. Geflüchtete Menschen können sich hier Kleidung und Dinge holen, die sie benötigen. Auf dem Bürgersteig stehen Familien, Frauen mit Kindern, Männer, einer trägt ein Baby.
Da ist dieser Junge, vielleicht zehn Jahre alt. Er trägt ein blaues Fußball-Trikot. Er fährt ein zu großes Damenrad, er fährt es ein, noch schwankt er etwas. Sein Vater ruft ihm Dinge zu.
Ich frage mich, ob der Junge den gleichen rauschenden Stolz fühlt wie ich damals, als ich das Fahrradfahren anfing zu beherrschen. 
Ich schaue in den Rückspiegel. Die Frau im Wagen hinter mir lehnt über den Beifahrersitz. Mit ausgestreckten Armen fotografiert sie die Menschengruppe. Sie hält ihr Handy quer, um alles draufzubekommen. Dann lässt sie die Arme sinken und beginnt zu texten.
Ich weiß nicht, was sie schreibt und warum sie es schreibt. Ich mag offene Situationen. 
Eigentlich.
Eigentlich hätte ich die nächsten 20 oder 30 Minuten damit verbracht, im Kopf Skizzen zu entwerfen, wer die Frau ist und warum sie fotografierte. Es hätte mir Freude bereitet, es wäre lebendig gewesen.
Jetzt aber zieht sich mein Magen zusammen. Wut kommt. Zweifel, ob ich der Frau Unrecht tue. 
Anstatt im Kopf vergnügt zu skizzieren, anstatt verschiedene Realitäten und Lesbarkeiten auszuprobieren fürchte ich, Zeugin eines ungehörigen Aktes geworden zu sein und fürchte ich gleichzeitig, paranoid zu sein.
Ich will das nicht.
Die Rechten haben es geschafft, bei mir jedenfalls.
Ich habe Angst und ich habe das Gefühl, dass sich unser Land unangenehm verändert hat. Ich habe Angst vor den Rechten. Ich finde, sie verändern das Klima.
Später schaue ich erneut in den Rückspiegel.
Die Frau hinter mir ist vielleicht Ende 40, blondgefärbte Kurzhaarfrisur und in den Ohren große Creolen. Sie schaukeln im Takt mit dem Nippes, der an ihrem Rückspiegel baumelt. Sie kaut mit offenem Mund Kaugummi und blickt teilnahmslos auf den Verkehr.
Es fällt mir zu ihr nichts ein, nichts Gutes und nichts Schlechtes, nichts Fröhliches oder Tragisches. Sie ist eine mittelalte Frau in einem südkoreanischen Kleinwagen, mehr nicht.
Ich mag es nicht

Dienstag, 2. August 2016

"Riecht nicht stark, aber interessant",

sagt der Himmelblaue und hält mir die Reinigungsbürste seiner Shisha unter die Nase.

Connaisseur, der er ist. Connaisseur und Tollkühner. Seine Shisha geht mir gehörig auf den Zeiger, alles an ihr. Der Tabakrauch, der stinkt, als sei gerade eine Früchtetee-Fabrik in Flammen aufgegangen. Die Larrys, die mit dem Himmelblauen meinen Balkon bevölkern, vollpubertierende Fußschweißakrobaten, die in ihre Handys starren und murmeln und an diesem Ding nuckeln, als gäbs kein Morgen. Die heiligen Reinigungsrituale, die mein Bad und meine Handtücher versauen.

Also klaubt er eben die Reinigungsbürste vom Wannenrand, weil er weiß, dass die stunkträchtig ist, ich räume gerade das Bad auf. Er kann es sich aber nicht verkneifen, mich zur Duftprobe zu laden. Ich bleibe cool. Vor einer Stunde war er erst hereingekommen, eine professionell verbundene Linke wedelnd. "Alles ok, mach Dir keine Sorgen." Ein Schnitt unklarer Herkunft, irgend etwas mit einem Messer. Mit mehreren Stichen wurde genäht. Mit dem Arzt in der Notaufnahme habe er sich erfreut abgeklatscht, so berichtet er, schließlich sind die beiden alte Bekannte. Ein Vorteil volljähriger Kinder: Ich vertrödele meine Zeit nicht mehr in Notaufnahmen. Er hat einen temporären Invalidenbonus, ich verzichte darauf, ihm die Reinigungsbürste verbal wohin zu wünschen.

Jetzt verlässt er gerade die Wohnung, fröhlich, "Ich bin mal eben Gaskartuschen kaufen!"

Naja, die Notaufnahme wird ja noch geöffnet haben...

Zauber der Sommerferien, güldene Zeit...

Freitag, 29. Juli 2016

Da musst Du einfach vertrauen...

Ich bin auf dem Weg in den Norden, die A1 hoch. Ich starre aufs Navi, das meine Ankunftszeit immer weiter nach hinten rechnet. Meine Laune sinkt, ich muss aufs Klo. Dann, plötzlich, gibt die Navigante Meldung: Sie könne mir zehn Minuten raushauen, ob ich das wolle? Ich drücke auf "Ja doch, selbstverständlich, ich bin ja nicht selbstquälerisch veranlagt." Also runter von der A1, rein ins unbekannte Land. Erst über Landstraße, dann Allee. Am Ende, nach einem Rechtsabbieger, jazze ich über einen nachlässig asphaltierten Weg, keine Fahrbahnmarkierungen, viele Schlaglöcher, quer durch Felder. Ich frage mich, ob sich auch Naviganten ab und zu einfach mal irren können. Ich frage mich, ob es hier Gegenverkehr gibt, der Weg ist schmal. Ich sehe ihn schon vor mir, einen Bauern auf seinem Traktor, ein Gesicht wie ein grob behauener Klotz, der ungerührt sein Gefährt an mir vorbeilaviert, die ich angststarr und an mein Lenkrad gekrallt in der Böschung kauere. Er schießt mir einen einzigen Blick zu: "Navigantenopfer, städtisches." Da wird er ja wieder was zu erzählen haben, am Abend, wenn er mit anderen aus der Landbevölkerung zusammensitzt und einen Klaren trinkt. Ich schäme mich meines Herzrasens nicht. Ich bin Stadtkind und stehe dazu. Allein über einen Acker zu heizen und kein einziges Haus zu sehen schmeckt mir nicht, überhaupt nicht. Wenn ich jetzt eine Panne habe, werden mich die Wölfe holen. Der Überreste nehmen sich dann die Waschbären an. Was für ein trübes Ende. Später biege ich zwei mal links ab und bin plötzlich wieder auf der A1. Donnerwetter. Das Navi hatte nicht gelogen: 10 Minuten frühere Ankunft. Die gesparten 10 Minuten in der Reisekasse brennen mir Löcher in die Tasche. Ich werfe mich an einer Tankstelle raus, gehe aufs Klo und investiere den Klo-Bon in ein Ciabatta Natur XXL mit Gouda und Salami. So wird das nie was mit den Millionen, mit so einer Einstellung.
Am Abend erzähle ich der Lässigen, wie ich tagsüber mit fliegendem Puls Äcker am Arsch der Welt durchpflügt hatte und ernsthafte Zweifel an der Arbeitseinstellung meiner Navigante gehegt, und da sagt sie den schönen Satz: "Da musst Du einfach vertrauen."
Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Freitag, 17. Juni 2016

Unser Café, am Morgen. Der Zeitpunkt ist nicht schlecht, die lauten, drängenden Jahrgänge, die, die es eilig haben, sitzen in der Schule oder auf der Arbeit. Hier: Rentner, Zeitungen, Kaffee. Zeit und Gelassenheit. Welch unglaublicher Luxus. Nie werde ich mich daran gewöhnen, niemals taub werden. Nur Du fehlst. Das aber sehr.

Die Wirtin ist einem Schwatz nicht abgeneigt, sie langweilt sich. "Die da oben", und ausspioniert werden wir auch, ich entziehe mich höflich, aber eindeutig. Ich sitze drinnen, es ist zu früh, um zu rauchen, und ich mag diese kippeligen Tischlein draußen nicht. Hier drin am großen Tisch kann man selbst die "Zeit" würdevoll lesen. Draußen: Hundebesitzer, Raucher, ein Sonnenanbeter im T-Shirt. Ich wage etwas und versuche einen Cookie. Eine Spur Zimt überrascht mich. Geschmäcker, Düfte, Farben: Zimt, Lavendel, Vergissmeinnicht. Und dann bist Du da, darin, und in Deinen Worten.

Draußen geht eine ältere Dame vorbei, sie führt einen kleinen Hund an der Leine. Der Hund eines Gastes springt auf, er ist groß, und bellt laut. Die ältere Dame erschrickt zutiefst, instinktiv zieht sie an der Leine, will ihren Hund in Sicherheit bringen. Ihre Verletzlichkeit, ihre Angst, ist mir fast zu viel.

Ein Windei, das hat mir mal die Tochter eines Geflügelzüchters in die Hand gelegt, als ich Kind war, sie zeigte mir den Betrieb ihrer Eltern. Vorsichtig und ehrfürchtig hielt ich das seltsame Gebilde. Staunendes Stadtkind. Ein Ei ohne Schale, lediglich geschützt durch eine feine Haut. Es war noch warm. Ich war hilflos, wusste nicht, was tun. Sie nahm es irgendwann und warf es weg, beiläufig. Zum Züchten ungeeignet. In mir verstummte etwas kurzfristig.

Heute ist ein Windei-Tag. Es sind dies sehr reiche Tage, aber ich meide spitze Gegenstände und prosaische Geflügelzüchtertöchter. Besser ist das.

Dienstag, 17. Mai 2016

Es kam letztens zum Showdown im Waschhaus. Was ich jetzt weiß: Chuck Norris seine Oma schläft nie. Und ihre Sinne sind von nachgerade übermenschlicher Schärfe. Folgendes trug sich zu:

Eines unserer Katzentiere verschmutzte das Bett Simsons. Ich gehe nicht ins Detail, nur soviel: Es musste alles gewaschen werden, zwei Kopfkissen, eine Bettdecke, diverse Bezüge, Nachtkleidung. Ich marschierte am Vormittag also zügig mit der ersten Ladung ins Waschhaus. Problem: Es war Pfingstsonntag. Aber, so sagte ich mir, schließlich handelte es sich um einen Notfall, worin soll das Kind denn schlafen. Dennoch: Es war nicht nur ein einfacher Sonntag, sondern auch noch Pfingsten, ein doppelter Sonntag quasi, also doppeltes Waschverbot. Entsprechend schnell und leise belud ich die Waschmaschine, aber ach. Ich hatte die Tür der Waschmaschine noch nicht geschlossen, da flog die Tür des Waschhauses auf. Im Rahmen steht Chuck Norris seine Oma. Von hinten per Sonnenlicht dramatisch ausgeleuchtet starrt sie mit ihren wasserblauen Augen auf mich, die bucklige Schurkin im Dunklen. High Noon, Baby. Ich starre tapfer zurück. Die Sekunden ziehen sich wie Äonen. Mein Hirn arbeitet schnell und präzise, ich bin in höchster Gefahr. Die Lady hat eine geladene Waschhausordnung, und sie wird nicht zögern, sie zu benutzen. Ich entscheide mich für eine kühne Variante und greife an, dies allerdings mit Charme. Ich nähere mich Chuck Norris seiner Oma mit schnellen Schritten und entschuldige mich dafür, am Sonntag zu waschen, und dann auch noch Pfingsten (fassungsloses Kopfschütteln meinerseits). Sie müsse mir glauben, niemals wäre ich so frech, allein, meine Tochter, das arme Ding, ihre Nachtruhe... Chuck Norris seine Oma hat schon fünf Gänge runtergeschaltet. Jetzt kommt mir eine Idee, ein Verdacht keimt auf und ich werde wahrlich kühn.

Ich bitte Chuck Norris seine Oma um Rat. Sie, als die Erfahrenere müsse mir bitte helfen, denn ich machte mir Sorgen. Seit Wochen hing an ungewohnter Stelle ein Bettlaken und ein Nachthemd, beide bleu (jawohl, ich sage 'bleu', nicht 'hellblau' oder 'blau', denn auch meine Oma sagte immer 'bleu' zu diesem Farbton, und ich bin gerade die Omaflüsterin), inzwischen hätte ich sie abgehängt und ordentlich zur Seite gelegt, aber ich machte mir etwas Sorgen, denn sowohl das Nachthemd als auch die hölzernen Wäscheklammern ließen auf eine eher ältere Dame schließen, ob sie vielleicht eine Ahnung habe, wem die Dinge gehören könnten und warum sie nicht mehr abgeholt würden? Während ich sprach, geschah etwas, kaum spürbar, aber Chuck Norris seine Oma wurde einen Hauch unsicher. Ob ich ihr die Dinge zeigen könne? Ich führte sie zum bleuen Stein des Anstoßes. Und tatsächlich: Vor meinen Augen wird Chuck Norris seine Oma verlegen. Ja, das seien ihre Sachen. Denn sie weiß, was ich weiß, und sie weiß, dass ich es weiß: Die Waschhausordnung besagt auch, dass Sachen längstens 24 Stunden aufgehängt werden dürfen, dann müssen sie weggeräumt werden. Hält sich natürlich kein Schwein dran. Niemand außer Chuck Norris seine Oma, welche sich diese Regeln eben sehr zu Herzen nimmt. Mein Sieg ist triumphal und restlos und ohne jeden Zweifel. In ihrer Verlegenheit sagt sie, dass man sie ja schon an den Holzklammern erkennen könne, den ollen Dingern, die verwende ja heute niemand mehr. Ich sage, dass ich sie viel schöner finde als die bunten Plastikdinger. Sie streicht über die zwei Wäschestücke in ihrem Arm und sagt: "Ja, das sind meine, bleu."

Beim Herausgehen lästern wir beide über diese Menschen, die glauben, dass ein Feiertag ein normaler Werktag sei. Sie bittet mich um Verständnis für Ihr Einschreiten, ich hebe die Hand und bitte Sie, nicht weiterzusprechen, es sei selbstverständlich, dass dieser Tag heute eine absolute Ausnahme sei. Außer vielleicht morgen, wenn die Kopfkissen dran sind...

Ich denke, ich werde die Tage mal mit einem Blumenstrauß bei ihr vorbeimarschieren, als kleines Sorry für den Pfingstsonntag.

Montag, 16. Mai 2016

Haumi, Schaumi



In einem goldenen Abschnitt meiner Kindheit hatte meine Mutter eine leicht zwanghafte Phase. In meiner Erinnerung machte sie genau zwei Dinge: Das rote Album der Beatles hören und mit meinem Bruder und mir in das Wellenbad an der Grünstraße gehen (danach gab es immer eine Prinzenrolle, noch in der Kabine). Das war alles geil, die Musik, das Album (vorne jung, hinten alt, das war Zauberei und ewiges Staunen), das Schwimmen, die Kekse. Ich war noch im Kindergartenalter, musste allerdings die Musik mitschmettern, denn die ging ins Blut. Der Refrain dieses Stückes kam mir spanisch vor: Eydeysuwie! Eydeysuwie! Zum Mitsingen nur bedingt geeignet, man wollte sich ja nicht lächerlich machen. Klarer schon die Aufforderung zu halten und zu lieben: Haumi, Schaumi. Das sang ich dann schon mal mit. Stellt man sich vor meinen Bruder, heute, und sagt: "Haumi, Schaumi", wird er vermutlich wie aus der Pistole geschossen antworten: "Eight Days A Week, Beatles." Vielleicht setzt er noch ein "Wellenbad" hinterher. Warum ich das schreibe? Keinen Schimmer! Eine Moral habe ich auch nur bedingt.

Sonntag, 3. April 2016

Ich träume, etwas Wüstes und auch Anstrengendes, ein langer Traum, ich bin in einem großen schlossähnlichen Bau, alles Hogwarts irgendwie, viele Menschen, ich renne viel und rede, irgendwann wache ich auf, weil Du mich sanft in die Seite drückst, ich habe wohl etwas geschnarcht. Ich bin zerschlagen und unruhig.

Morgengrauen, in mir, draußen ist es dunkel.

Ich trinke Wasser, bin ratlos, gehe ins Bad, Härchen zupfen. Ich rechne. Wie lange es wohl dauert, bis die letzte Erinnerung eines lebenden Menschen an mich mit diesem Menschen gestorben sein wird. Meine Oma war Jahrgang 1918, ich werde noch eine Weile leben, und ich erinnere sie gut. Aber werden meine Kinder jemals Kinder bekommen? Wenn nein, dann kann es sein, dass bereits um das Jahr 2080 herum es niemanden mehr gibt, der überhaupt weiß, dass ich mal existiert habe, oder zumindest mich als lebenden Menschen gekannt hat. Der Sand, der Stundensand, er rieselt nicht im Glas, er weht durch die Gegend, und trifft er auf etwas Lebloses, dann beginnt er, sich zu anzuhäufen, und schließlich sind wir verschwunden, sind die Dinge verschwunden. Dann hat er uns und alles für immer zugedeckt und begraben, der Stundensand. Ist ok so. Gewöhnungsbedürftig vielleicht, aber ok.

Ich lege mich wieder ins Bett und fühle mich verloren.
Schiebe vorsichtig meine Hand unter Deine Decke, da ist Deine Wärme. Du liegst auf der Seite, den Rücken mir zugewandt. Ich beschließe, Dich wachzustarren, das perfekte Verbrechen, keine Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Tatwaffe. Ich werde Dich wachstarren, und Du wirst Dich zu mir umdrehen, mich wie immer mit einem unbeschreiblich warmen Laut an Dich ziehen und Dein Gesicht an mir vergraben, Deine Hände breit gefächert auf meinem Rücken. Ich werde Dich umarmen und Kleinigkeiten in Dein Haar flüstern, bis Du wieder verschwindest, um weiterzuschlafen. Meine Augen brennen Dir jetzt kleine Löcher in den Hinterkopf, aber Du wachst nicht auf.

Schließlich schlafe ich wieder ein und träume, wir sind zu Besuch bei einem lauten Paar, das wohnt auch in einem großen Haus, aber dieses Mal ist es ein unheimlicher Traum, mit diesem Haus stimmt etwas nicht, etwas ist hier, mir lauert ein leises Grauen im Nacken, das nur darauf wartet, mich einzufrieren. Das Gastgeberehepaar ist seltsam, er ist ein Osmin, der Tagebuch führt über jede Stunde Beziehung zu seiner Frau, er wirft uns beiden gerade vor, eine lose, oberflächliche Beziehung zu führen, weil wir uns nicht gegenseitig im Namen der Liebe ständig kontrollieren. Er hat eine Glatze, falsche, schweißverrutschte Wimpern, in den Ohren große Creolen. Er ist mir zu dumm, ich stehe auf und gehe in die Küche um etwas zu trinken. Links schließt sich zügig eine Tür, rechts von mir steht gerade meine älteste Tochter am Kühlschrank, in Nachtkleidung. Ich weiß sofort, dass niemand diese Zimmertür geschlossen haben kann, da sich alle Hausbewohner im Augenblick außerhalb des Raumes befinden. So fangen meine schlimmen Träume immer an, mit Türen, die von unsichtbarer Hand geschlossen werden, ich frage also meine Tochter panisch, wer denn bitte die Tür geschlossen habe?! Sie weiß es, ist aber zu genervt für eine Antwort. Stattdessen greift unter meine  Achseln, hebt mich spielend leicht hoch und trägt mich, mein Gesicht in ihre Blickrichtung gewendet, zügig in das Zimmer. Dort ist der Sohn unserer Gastgeber, auch er ein kleiner Unsympath, der, als er mich sieht, ins Dunkle flieht. Die unheimliche Präsenz, die dieses Haus bewohnt, hat den Kopf des Gastgebersohns auf groteske und leider auch ziemlich witzige Weise anschwellen lassen, großgezaubert, er sieht aus wie ein gigantischer, auf der Seite liegender Football. Geschieht ihm Recht, dem großspurigen Gastgeber, ich wache dieses mal eigenständig auf, vor Lachen.


Du hast Dich mir jetzt zugewendet jetzt, schläfst aber immer noch. Ich fahre mit meinen Augen die vertrauten und schönen Linien ab, die Deiner oberen Gesichtshälfte, Deines Haaransatzes, Deines Ohrs und des Arms. Die schmale Hand auf dem Kissen, der Handteller nach oben gerichtet, die Finger bilden einen Kranz, lose geöffnet, leicht, wie die Blütenblätter einer Tulpe kurz vor dem Verblühen. Nebenher versuche ich ein bisschen, Dich wachzustarren. Vergeblich.

Ich schlafe irgendwann wieder ein und träume, dass ich in einem Hotel einen Killer beobachte, wie er einen Agenten umbringt, er erstickt ihn mit einem Kissen. Ich informiere das Personal und beschließe, mich vom Acker zu machen, denn ich bin mitten in einem Thriller und der Killer weiß, dass ich ihn gesehen habe. Ich springe vom Hotel aus ins Meer und will zur nächsten Insel schwimmen, ich bin auf den Bahamas und das Wetter ist ein Traum. Im Wasser neben mir ist plötzlich eine Transfrau, sie trainiert in einem weißen, baumwollenen Dameneinteiler der Bundeswehr, der am Rücken keck ausgeschnitten ist und den am Ärmel der Bundesadler und Schwarzrotgold ziert. Ich muss jetzt schon kichern, die Transfrau ist heute ein Running Gag in meinen Träumen, ihr passieren immer lustige Dinge. Wegen ihrer Brille und ihres kleinen Schnurrbärtchens wird die Offizierstransfrau irrtümlich für den Killer gehalten und von Bahamas-Polizisten unsanft aus dem Wasser gefischt. Ihre Empörung ist gerecht. Wir sitzen dann auf einmal auf einem Kahn, die Offizierstransfrau, mein Bruder, Rachel Weisz und ich. Rachel Weisz trägt ein schwarzes, enges Kleid und einen breitkrempigen Hut, das Setting ist "Tod auf dem Nil", und Rachel Weisz gibt gerade unerträglich an, wir mögen sie alle entschieden nicht. Mein Bruder hat eben im Gespräch seinen Abiturschnitt ganz schön nach oben korrigiert, jetzt bin ich dran und muss entweder auch lügen oder dastehen wie der letzte Trottel, Rachel hat natürlich einen Einserdurchschnitt. Die einzig unbeeindruckte ist die Offizierstransfrau, aber ich habe nicht ihr Standing, es ist mir zu doof und ich wache auf.

Jetzt ist es viertel vor neun und Du schläfst immer noch. Ich frage mich gerade, ob ich das Wachstarren für heute aufgebe und umsteige auf Deine elektrische Kaffeemühle, die macht so herrlichen Lärm. Da ruft Deine Mutter an. Sie spricht auf den Anrufbeantworter, laut, energetisch. Du wachst auf, hörst ihr zu, müde lächelnd. Als sie fertig ist, reibst Du Dir die Augen, siehst mich an und fragst: "Soll ich Kaffee kochen?"

Och. Wenn Du mich so fragst...

Dienstag, 29. März 2016

Am Strand sagst Du: "Wenn Du einen Stein mit einem Loch drin findest, dann darfst Du Dir was wünschen." Ich schaue auf, sehe Deine Augen. Sie strahlen, spiegeln das Licht und das Blau und die endlose Freiheit. Ich hatte schon viele Steine gesehen, einer hatte auch ein Loch gehabt. Schnell wünsche ich mir etwas hinterher, ein P.S.-Wunsch quasi. Als er abgeschickt ist, fällt mir auf, dass er missverständlich formuliert war. Ich beschließe trotzdem, es dabei zu belassen und auf den nächsten Stein zu warten. Kein Verhandeln mit dem Schicksal, lieber nicht.
"Aber nur ein richtiges Loch," sagst Du, "ganz durch." Auch das noch. 
Ich zeigte Dir meine Nordsee, jetzt zeigst Du mir Deine Ostsee. Also Steine suchen anstatt Muscheln. 
Es gibt so viele Steine, man muss sich entscheiden, sie wiegen mehr als Muscheln. Es gibt kleine, glänzende, tiefschwarze Steine. Große, außen unspektakulär, aber an der Bruchstelle offenbaren sie zarte Pastelltöne, ein Blick in undenkbar alte Zeiten. Wie lange liegen die hier schon, wie lange gibt es die schon? Ist es möglich, dass diese Steine keine Seele haben? Für mich nicht. Dafür sind sie zu alt und zu schön, um keine Seele zu haben. Zu einzigartig. Zu würdevoll. Kann ich sie einfach mitnehmen, hier rausreißen? Ich sammle zunehmend beklommener, dann lasse ich es ganz. 
Mitnehmen kann ich es ohnehin nicht, und halten kann ich es nicht, dieses ganze Glück.
Aber darin sein, das geht.
Aufnehmen. Die ganzen weichen Rundungen, die der Steine, die der sanften Dünung, die des ausgewaschenen, hellen Holzes, das überall liegt. Weiche, stille, würdevolle Schönheit. Ich stelle die Blende größtmöglich ein, halte jetzt nur noch Blicke fest, keine Dinge mehr. Bilde eine kleine Stelle scharf ab, der Rest verschwimmt in sinnlicher Weichheit.
Komme zurück zu Deinen Augen, beschirmt von einer Kapuze, nah. Höre den Wind.
Das ist Glück.
Kommt mein Wunsch an, irgendwie, dann bleibt es noch etwas Glück.