Sonntag, 14. Mai 2017

Mutter

Das Bild stammt aus der Süddeutschen Zeitung, leider habe ich keinen Link mehr.

Allen Müttern, vor allem jenen, die am heutigen Tag außerhalb des Fleurop-Hochglanz-Fokus liegen.

Dienstag, 2. Mai 2017

"Ich bin im Tiefbau gelandet?!"

So der Himmelblaue gerade.
Er ist der König der unkonventionellen Gesprächsauftakte. Die lebende Blutgrätsche im normierten Redefluss.
Ich sitze am Rechner und löse Zahlenrätsel.
Die Wohnungstür öffnet sich, der Himmelblaue betritt die Wohnung, bleibt neben mir im Türrahmen stehen und sagt: "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" Empört. 
Wir haben uns seit gestern nicht gesehen. Dennoch. Kein Guten Tag, liebe Mutter, wie geht es Dir, kein Schön Dich zu sehen, meine Erzeugerin, kein Hallo, ich muss schnell aufs Klo. Nein, er stellt sich in den Türrahmen und sagt: "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" Mit besagter Empörung.
Normalerweise bringt mich das latent auf die Palme, dieses Guerilla-Talken, weil der Rest der Unterhaltung darin besteht, ihm jeden weiteren Informationswurm mühsam aus der Nase zu ziehen. Irgendwie denkt er nämlich immer, dass nach einem solchen Auftakt die Dinge glasklar auf der Hand liegen. Heute muss ich kichern, er ist gekränkt. 
Er war beim ersten Probearbeiten in einem Betrieb, bei dem er sich um eine Ausbildungsstelle als Gala-Bauer bewarb. Und der Betrieb scheint sich eher ums Unterirdische zu kümmern. Das ist der Hintergrund.
Ich stelle wenige Fragen, es steht also eine kleine Krise ins Haus, die bekommen wir auch noch aus dem Weg.
Bis dahin freue ich mich, dass einem solche Sätze wie "Ich bin im Tiefbau gelandet?!" einfach so, im tristen Alltag, unvermutet um die Ohren schwirren wie ein kleiner, exotischer Vogel. Man hat keinen Schimmer, wo er herkam, aber er ist eine schöne Abwechslung.

Freitag, 21. April 2017

"Es ist wie beim Jazz. Der Jazz kennt keine schmutzigen Typen mehr, es ist alles aus und verloren. Überall Till Brönners, die schöne Baby-Musik machen mit Brei-Trompetchen und dafür auch noch gefeiert und herumgereicht werden, wenn auch von den falschen Leuten, auf den falschen Schultern, mit vergifteten Komplimenten.
Wer erinnert sich noch an die alles verschlingende Gier in der Stimme eines Chet Baker, wer an die Schwindsucht eines Charlie Parker, an die herbe Verschwitztheit einer Billie Holiday? Es ist nichts geblieben. Nur weiße, brave, sich selbst feiernde, stinkende Langeweile."
So Herr Andreas Glumm, ein von mir seit Jahren sehr verehrter Schreiber, in seinem Blog 500beine. Ein Zitat für meinen Vater, er weiß, wovon ich spreche.
Du siehst, lieber Herr Papa, wenn Dich die Beine auch gerade ärgern: In der Musik schwimmst Du immer noch ganz vorne weg.
Weitermachen.

Freitag, 14. April 2017

Beim Aldi, beim Bezahlen.
Ein Mann, der sich mir von hinten genähert hatte, sagt mir irgendwie so von der Seite her, dass mein Schlüssel aus der Hosentasche rage, also aus der hinteren Hosentasche, Jeanshosentasche, um genau zu sein. Etwas schulmeisterlich ist er dabei. "Sie wissen, dass Ihnen da der Schlüssel rausguckt?" Ich will die Augen verengen und die Oberlippe schürzen und den Kopf so hin- und herschieben und sagen: "Jaaaa?! Und?!" Ist mir doch wurst, ob der Schlüssel da rausguckt, aus der Gesäßtasche. Stattdessen verdrehe ich mal kurz aber prägnant meine Wirbelsäule und gucke mir selbst auf den Hintern. Und da sehe ich, dass mein Wagenschlüssel sich durch den Stoff der Tasche gebohrt hat und nach außen ragt.
Ach so meint der das.
Verdammt. Eine nächste Hose, die langsam von mir geht. Sie ist mir lieb, die Hose. Verdammt.
Die Aldibetreuerin, die den jungen, anzulernenden Aldimann an der Kasse betreut, beugt sich etwas vor und sagt zu ihm: "Wo guckt der denn hin?!"
Jetzt komme ich ins Straucheln. Ist das weibliche Solidarität, weil mir einer auf den Hintern geguckt hat (was mir bisher nicht aufgefallen war), oder ist sie verwundert, dass man mir aufs Heck linst? Sollte ich sie fragen? Es geht um meine Eitelkeit.
Ich lasse es gut sein.
Der Mann hat einen Schlüssel sich in die Freiheit bohren sehen, nicht mehr, nicht weniger. Keine Flirterei, nur Erstaunen.
An der Einpacktheke ist er plötzlich wieder da. Er hat jetzt den Schulmeister weggepackt und die Plaudertasche rausgeholt. Erzählt mir, dass er sich letztens erst eine Jeans auf seinem Sofa ruiniert hatte, so ein Loch, eine Sprungfeder hatte sich unbemerkt durch das Polster gebohrt.
Ich beschließe, dass der auf keinen Fall flirten will. Ich jedenfalls würde, wenn ich flirten wollte, beim Erstkontakt nicht unbedingt erzählen, dass daheim bei mir die Sprungfedern aus den Sitzmöbeln ragen. Bei mir zumindest hat das keinen günstigen Eindruck hinterlassen. Obwohl er sehr adrett gekleidet war.  Vielleicht bin ich auch einfach zu alt für diesen Scheiß.
Ich verabschiede mich mit einem jovialen Sachen gibts und wende mich zum Ausgang.

Beim Gehen winkt ihm mein Autoschlüssel freundlich zum Abschied.

Donnerstag, 13. April 2017

Ich bekomme den Hintern nicht hoch.
Manchmal ist das so.
Er, der Hintern, ist rein optisch noch noch voll im Rahmen. Aber gefühlt tonnenschwer. Jeder Handgriff im Haushalt eine Pein und Überwindung. Jedes Muss ein schmieriger Widerling.
Ist halt manchmal so.
Aber Simson hat jetzt frei, sie muss nur noch zu den Abiprüfungen in die Schule. Und da mein Auto in die Werkstatt musste und hier Elektromüll rumstand, und da die jugendlich-frische Präsenz Simsons mir einen Hauch meines alten Mojos verlieh, verkündigte ich ihr, dass wir zwei jetzt zum städtischen Recyclinghof führen, um den alten Krempel zu entsorgen, und danach das Auto in die Waschstraße brächten, um es innen und außen gründlich zu reinigen. Das fand Simson gut, für so etwas ist sie immer zu haben.
Auf dem Weg zum Recyclinghof bekam ich eine ungute Ahnung, die sich bewahrheiten sollte: Die Autoschlange zum Ziel war so lang, dass sie um die Ecke reichte. Das Ziel nicht vor Augen, fiel meine Motivation, das zarte Pflänzchen, in sich zusammen wie ein Soufflé im Durchzug: Ich dachte: "Pfeif auf den Elektroschrott, ab zur Waschstraße." Dann fiel mir ein, dass wir dann den Kofferraum nicht saugen könnten, weil der voll ist mit Elektroschrott. Warum machen wir das dann hier?! Meine Motivation ging jetzt endgültig zu Boden wie Robben im Strafraum: Kaum touchiert, aber winselnd und klagend.
Und in dieses entwürdigende innere Schauspiel, das ich mir da gerade gab, schweigend und erstarrt, in diese ca. vier Sekunden nicht geäußerten, emotionalen Meltdowns, kam die Stimme Simsons, sprach es rechts von mir, klar, ruhig, unmissverständlich und ohne jede Chance auf Widerstand:
"Wir ziehen das jetzt durch."
Sie ließ ihr Fenster ein Stück herab und vertiefte sich interessiert in ihr Handy. Als sei nichts passiert.
Ich stellte den Motor ab und dachte darüber nach, wie sehr ich diesen entschlossenen Mensch neben mir liebe.

Mittwoch, 12. April 2017


Auf der Autobahn, bei voller Fahrt, geht im Display ein Lämpchen an, begleitet von einem unangenehmen Piepton. Volle Triggerung, der Schreck schießt mir schmerzhaft in die Fingerspitzen, mein Mund wird trocken, Herzrasen. Gerade, als ich mich etwas beruhigt habe, springt mit unangenehmem Piepton die zweite Warnleuchte an.
Ich drehe die Musik auf maximale Lautstärke, um mir zukünftige Pieptöne zu ersparen.
Schostakovitsch, 2. Walzer, volle Orchestrierung, voller Klang.
Die Fahrt bekommt etwas Unwirkliches, ich werde zur schaukelnden Allegorie. Russische Dekadenz sickert in die Schaltkreise.
Die stummen Geister aller versäumten Inspektionen erscheinen mir und deuten schweigend auf die Motorhaube.
Das Gewissen schlägt mich hart.
Bin ich eine Alexandra Fjodorowna, die das Keuchen der Arbeiterklasse zu lange ignorierte und nun verdient auf Bajonette starrt?
Kommen sie mich jetzt holen?
Als ich die Autobahn verlasse, setzt Tschaikowski ein, Polonaise, Eugen Onegin. Stolz und Optimismus fluten das Auto und richten mein Gemüt wieder auf.
An der Ampel glotzen die vier Knilche im Wagen neben mir scheel rüber. Nicht das übliche Bum-Bum. Sollen sie. 
Sie haben ja keine Ahnung, was sich hier abspielte.

Freitag, 11. November 2016

Selige 70er

Liebe Mutter, guck mal!

Was Farben, Frisuren und Kragen angeht, haben wir alle gewonnen, finde ich...


Freitag, 28. Oktober 2016

Brumm Brumm



Draußen vor dem Balkon stehen drei (!) GaLa-Knilche in signalfarbenen Westen und lassen ihre Laubbläser dröhnen.

Ich möchte hiermit ein für allemal klarstellen, dass ich Laubbläser für eine sinnfreie Einrichtung für junggebliebene Männer halte. Deren Faszination offensichtlich auch in den höchsten Kreisen noch wirkt.

Ich versteh mein eigenes Wort nicht mehr.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Herbstblues

Meine Oma hat mir früher auf die Butterkekse von Bahlsen Butter geschmiert, das ist saulecker.
So eine Oma war das. Ein Vollprofi im Oma-Business.
Wenn sie mir einen frischen Orangensaft machte, dann hat sie nicht nur ein paar Orangen ausgepresst. Sie hat den Saft zusammen mit Zucker und Sahne verquirlt, mit ihrem Handmixer, bis das Getränk schaumig und göttlich war. Sie sagte dann: "Das tut Dir gut, mein Kind." Das hat sie wirklich gesagt.
So eine Oma war das. Eine Michelangela der Fürsorglichkeit.
Wenn es Winter war und die Tage kurz und dunkel, dann hat sie die Höhensonne rausgeholt und mich welkes Stadtpflänzchen davor gesetzt, meine Augen mit einer Schutzbrille versehen, die volle UV-Dröhnung. Danach schmierte sie mir Bébé-Creme ins Gesicht, einen Zentimeter dick, und stellte sich vielleicht vor, wir wären gemeinsam in ihrer geliebten Schweiz.
So eine Oma war das. Unschlagbar.
Sie nannte Grapefruits "Pampelmusen" und manche Frauen "apart".
Eine Frau Waas mit Weltklasse.
Freundlich und gütig. Ich habe sie nie, in dreißig Jahren nicht, jemals schlecht über einen Menschen sprechen hören. Vielleicht hat sie das mal, aber nicht in meiner Anwesenheit. Alles, was hart war oder bedrohlich oder schmutzig oder gemein oder zynisch hatte Hausverbot, jedenfalls, wenn ich da war, oder mein Bruder oder ein anderes Kind unserer Familie. Nicht ein einziges Mal war sie ungeduldig mit mir, in dreißig Jahren nicht.
Manchmal saß ich in ihrer Küche und erzählte ihr Dinge, während sie abwusch oder kochte oder Teig knetete. Sie sagte dann in meinen Redefluss Dinge wie "Sicher, mein Schatz", zerstreut, aber mit dieser warmen Güte, und ich wusste, dass sie mir gerade null zuhörte und mit ihren Gedanken ganz woanders war, und es war mir egal. Wir freuten uns, dass wir beisammen waren und machten unser Ding, wir beiden Lotten.
Manchmal erzählte sie uns die Geschichten, wie sie damals nach dem Krieg Schnaps in den britischen Sektor schmuggelte, durch den nachtfinsteren Harz, und gegen Essen tauschte. Da konnte ich nicht genug von bekommen, von diesen Räuberpistolen. 
Heute ist so ein Tag, da hätte ich nichts gegen eine Runde Höhensonne, und danach einen Orangenshake à la maison. Und vielleicht ein bisschen quatschen und eine spannende Schmugglergeschichte.
Das wäre nicht schlecht.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Und vorbei

mit der Herbstromantik.

Morgens um sieben finster wie im *rsch, der Himmel dann im Laufe des Tages ein überzeugender Suizidberater und unter den Sohlen beider Paare winterfester Schuhe Hundescheiße.

Ich hab den Kanal jetzt schon voll. Und das so weiter bis März...

"Was tun?", fragte die Lässige.
"Saufen und einen Bestseller schreiben." sagte ich.
"Du schreibst, ich saufe.", antwortete sie.

Da muss ich noch drüber nachdenken, ehrlich.

Samstag, 15. Oktober 2016

24.08.2016


Es geht schon wieder los.

Der erste Hauch Frühherbst, eine bestimmte Färbung im Sonnenlicht, und die Sehnsucht rauscht mir durchs Gemüt. Wasser, Klänge, Auflösung in was weiß ich, des Welt-Atems wehendes All vermutlich, die Sehnsucht packt mich am Schlafittchen und zieht mich durch die Landschaft. Ein ächzender von Aschenbach, hänge ich im Liegestuhl und folge der weißen Hand, die anmutig und mitleidlos übers Wasser weist. Der unbeteiligte Hinweis der Schönheit, dass alles sterben wird, es bis dahin allerdings so reich sein kann, so süß, so tief und berührend... Dass auch dieser Sommer gehen wird, um dem Herbst zu weichen, diesem Schönsten, dem Chef im Ästhetik-Ring. Und ich so: Sehnsucht! Wonach? Keine Ahnung. Es zieht mich. Nach vorn, in die Erwartung, nach hinten, in die Trauer.

Und zu Dir, immer zu Dir, bist Du nicht bei mir.

Gestern schwamm ein Blatt übers klare Wasser. Ein flacher Brunnen mit hellem Boden. Ich folge den Schattenmustern am Grund des Brunnens, den Schatten der kleinen Wellen, dem Schatten des Blatts. Als das Blatt über ein chrompoliertes Element schwimmt, spiegelt sich seine Farbe im Metall, ein unscharfer, goldener Fleck, der durchs Wasser tanzt, durch dieses Meer von Licht. So schön, dass ich kaum hingucken kann.

Du hättest es gewusst.

Ich betrachte meine nackten Füße im Wasser. Ich betrachte meinen kleinen Begleiter, der durch den Brunnen pflügt, ein Projekt verfolgt. Ab und an bringt er mir eine nasse Feder, die ich dann am Brunnenrand trocknen lasse. Wind, Wärme. Kühle und Klarheit. Liebe. Ich lebe.

Du hättest es gewusst.

Samstag, 8. Oktober 2016

Ich esse Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne. Dabei schaue ich einen alten Gruselfilm.
Ich bin 46 Jahre alt. Genau so gut könnte ich 48 Jahre alt sein.
Genau so gut hätte ich mir die letzten 36 Jahre sparen können.
Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne und dazu ein Gruselfilm ist gut. Mehr braucht es nicht. Mehr sollte nicht sein. Mehr sollte nicht erstrebt werden. Mehr sollte nicht erwartet werden.
"Weiß Du schon, was Du später einmal tun willst?"
"Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne essen, dazu einen Gruselfilm schauen."
Eine Gruft, bunt bemalte Styropor-Wände, übertriebene Spinnenweben, ein leidender Ehemann, der einst seine Frau erschlug und jetzt von ihrem Geist heimgesucht wird. Er sucht sie, ruft sie, unheimlich hallt Ihre Antwort, er leidet, er liebt noch. Boris Karloff spielt den Ehemann. Der Film ist ein frühes Coppola-Movie. Am Ende stellt sich heraus, dass der Ehemann nicht der Ehemann ist, sondern der Geliebte der erschlagenen Ehefrau, der den Ehemann erschlug und jetzt in dem Glauben lebt, der Ehemann zu sein. Der Geist der erschlagenen Frau verführt ihn zum Selbstmord. Boris Karloff soll erstaunt gewesen sein, als man ihm später die Handlung des Films erzählte.
Das und Vanilleeis mit heißen Himbeeren und Schlagsahne.
Reicht doch.
Fast.

Donnerstag, 22. September 2016

Ungut


Ich warte im Auto an einer roten Ampel.
Rechts von mir ein Ladenlokal, das zu einer Ausgabestelle umfunktioniert wurde. Geflüchtete Menschen können sich hier Kleidung und Dinge holen, die sie benötigen. Auf dem Bürgersteig stehen Familien, Frauen mit Kindern, Männer, einer trägt ein Baby.
Da ist dieser Junge, vielleicht zehn Jahre alt. Er trägt ein blaues Fußball-Trikot. Er fährt ein zu großes Damenrad, er fährt es ein, noch schwankt er etwas. Sein Vater ruft ihm Dinge zu.
Ich frage mich, ob der Junge den gleichen rauschenden Stolz fühlt wie ich damals, als ich das Fahrradfahren anfing zu beherrschen. 
Ich schaue in den Rückspiegel. Die Frau im Wagen hinter mir lehnt über den Beifahrersitz. Mit ausgestreckten Armen fotografiert sie die Menschengruppe. Sie hält ihr Handy quer, um alles draufzubekommen. Dann lässt sie die Arme sinken und beginnt zu texten.
Ich weiß nicht, was sie schreibt und warum sie es schreibt. Ich mag offene Situationen. 
Eigentlich.
Eigentlich hätte ich die nächsten 20 oder 30 Minuten damit verbracht, im Kopf Skizzen zu entwerfen, wer die Frau ist und warum sie fotografierte. Es hätte mir Freude bereitet, es wäre lebendig gewesen.
Jetzt aber zieht sich mein Magen zusammen. Wut kommt. Zweifel, ob ich der Frau Unrecht tue. 
Anstatt im Kopf vergnügt zu skizzieren, anstatt verschiedene Realitäten und Lesbarkeiten auszuprobieren fürchte ich, Zeugin eines ungehörigen Aktes geworden zu sein und fürchte ich gleichzeitig, paranoid zu sein.
Ich will das nicht.
Die Rechten haben es geschafft, bei mir jedenfalls.
Ich habe Angst und ich habe das Gefühl, dass sich unser Land unangenehm verändert hat. Ich habe Angst vor den Rechten. Ich finde, sie verändern das Klima.
Später schaue ich erneut in den Rückspiegel.
Die Frau hinter mir ist vielleicht Ende 40, blondgefärbte Kurzhaarfrisur und in den Ohren große Creolen. Sie schaukeln im Takt mit dem Nippes, der an ihrem Rückspiegel baumelt. Sie kaut mit offenem Mund Kaugummi und blickt teilnahmslos auf den Verkehr.
Es fällt mir zu ihr nichts ein, nichts Gutes und nichts Schlechtes, nichts Fröhliches oder Tragisches. Sie ist eine mittelalte Frau in einem südkoreanischen Kleinwagen, mehr nicht.
Ich mag es nicht

Dienstag, 2. August 2016

"Riecht nicht stark, aber interessant",

sagt der Himmelblaue und hält mir die Reinigungsbürste seiner Shisha unter die Nase.

Connaisseur, der er ist. Connaisseur und Tollkühner. Seine Shisha geht mir gehörig auf den Zeiger, alles an ihr. Der Tabakrauch, der stinkt, als sei gerade eine Früchtetee-Fabrik in Flammen aufgegangen. Die Larrys, die mit dem Himmelblauen meinen Balkon bevölkern, vollpubertierende Fußschweißakrobaten, die in ihre Handys starren und murmeln und an diesem Ding nuckeln, als gäbs kein Morgen. Die heiligen Reinigungsrituale, die mein Bad und meine Handtücher versauen.

Also klaubt er eben die Reinigungsbürste vom Wannenrand, weil er weiß, dass die stunkträchtig ist, ich räume gerade das Bad auf. Er kann es sich aber nicht verkneifen, mich zur Duftprobe zu laden. Ich bleibe cool. Vor einer Stunde war er erst hereingekommen, eine professionell verbundene Linke wedelnd. "Alles ok, mach Dir keine Sorgen." Ein Schnitt unklarer Herkunft, irgend etwas mit einem Messer. Mit mehreren Stichen wurde genäht. Mit dem Arzt in der Notaufnahme habe er sich erfreut abgeklatscht, so berichtet er, schließlich sind die beiden alte Bekannte. Ein Vorteil volljähriger Kinder: Ich vertrödele meine Zeit nicht mehr in Notaufnahmen. Er hat einen temporären Invalidenbonus, ich verzichte darauf, ihm die Reinigungsbürste verbal wohin zu wünschen.

Jetzt verlässt er gerade die Wohnung, fröhlich, "Ich bin mal eben Gaskartuschen kaufen!"

Naja, die Notaufnahme wird ja noch geöffnet haben...

Zauber der Sommerferien, güldene Zeit...

Freitag, 29. Juli 2016

Da musst Du einfach vertrauen...

Ich bin auf dem Weg in den Norden, die A1 hoch. Ich starre aufs Navi, das meine Ankunftszeit immer weiter nach hinten rechnet. Meine Laune sinkt, ich muss aufs Klo. Dann, plötzlich, gibt die Navigante Meldung: Sie könne mir zehn Minuten raushauen, ob ich das wolle? Ich drücke auf "Ja doch, selbstverständlich, ich bin ja nicht selbstquälerisch veranlagt." Also runter von der A1, rein ins unbekannte Land. Erst über Landstraße, dann Allee. Am Ende, nach einem Rechtsabbieger, jazze ich über einen nachlässig asphaltierten Weg, keine Fahrbahnmarkierungen, viele Schlaglöcher, quer durch Felder. Ich frage mich, ob sich auch Naviganten ab und zu einfach mal irren können. Ich frage mich, ob es hier Gegenverkehr gibt, der Weg ist schmal. Ich sehe ihn schon vor mir, einen Bauern auf seinem Traktor, ein Gesicht wie ein grob behauener Klotz, der ungerührt sein Gefährt an mir vorbeilaviert, die ich angststarr und an mein Lenkrad gekrallt in der Böschung kauere. Er schießt mir einen einzigen Blick zu: "Navigantenopfer, städtisches." Da wird er ja wieder was zu erzählen haben, am Abend, wenn er mit anderen aus der Landbevölkerung zusammensitzt und einen Klaren trinkt. Ich schäme mich meines Herzrasens nicht. Ich bin Stadtkind und stehe dazu. Allein über einen Acker zu heizen und kein einziges Haus zu sehen schmeckt mir nicht, überhaupt nicht. Wenn ich jetzt eine Panne habe, werden mich die Wölfe holen. Der Überreste nehmen sich dann die Waschbären an. Was für ein trübes Ende. Später biege ich zwei mal links ab und bin plötzlich wieder auf der A1. Donnerwetter. Das Navi hatte nicht gelogen: 10 Minuten frühere Ankunft. Die gesparten 10 Minuten in der Reisekasse brennen mir Löcher in die Tasche. Ich werfe mich an einer Tankstelle raus, gehe aufs Klo und investiere den Klo-Bon in ein Ciabatta Natur XXL mit Gouda und Salami. So wird das nie was mit den Millionen, mit so einer Einstellung.
Am Abend erzähle ich der Lässigen, wie ich tagsüber mit fliegendem Puls Äcker am Arsch der Welt durchpflügt hatte und ernsthafte Zweifel an der Arbeitseinstellung meiner Navigante gehegt, und da sagt sie den schönen Satz: "Da musst Du einfach vertrauen."
Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Freitag, 17. Juni 2016

Unser Café, am Morgen. Der Zeitpunkt ist nicht schlecht, die lauten, drängenden Jahrgänge, die, die es eilig haben, sitzen in der Schule oder auf der Arbeit. Hier: Rentner, Zeitungen, Kaffee. Zeit und Gelassenheit. Welch unglaublicher Luxus. Nie werde ich mich daran gewöhnen, niemals taub werden. Nur Du fehlst. Das aber sehr.

Die Wirtin ist einem Schwatz nicht abgeneigt, sie langweilt sich. "Die da oben", und ausspioniert werden wir auch, ich entziehe mich höflich, aber eindeutig. Ich sitze drinnen, es ist zu früh, um zu rauchen, und ich mag diese kippeligen Tischlein draußen nicht. Hier drin am großen Tisch kann man selbst die "Zeit" würdevoll lesen. Draußen: Hundebesitzer, Raucher, ein Sonnenanbeter im T-Shirt. Ich wage etwas und versuche einen Cookie. Eine Spur Zimt überrascht mich. Geschmäcker, Düfte, Farben: Zimt, Lavendel, Vergissmeinnicht. Und dann bist Du da, darin, und in Deinen Worten.

Draußen geht eine ältere Dame vorbei, sie führt einen kleinen Hund an der Leine. Der Hund eines Gastes springt auf, er ist groß, und bellt laut. Die ältere Dame erschrickt zutiefst, instinktiv zieht sie an der Leine, will ihren Hund in Sicherheit bringen. Ihre Verletzlichkeit, ihre Angst, ist mir fast zu viel.

Ein Windei, das hat mir mal die Tochter eines Geflügelzüchters in die Hand gelegt, als ich Kind war, sie zeigte mir den Betrieb ihrer Eltern. Vorsichtig und ehrfürchtig hielt ich das seltsame Gebilde. Staunendes Stadtkind. Ein Ei ohne Schale, lediglich geschützt durch eine feine Haut. Es war noch warm. Ich war hilflos, wusste nicht, was tun. Sie nahm es irgendwann und warf es weg, beiläufig. Zum Züchten ungeeignet. In mir verstummte etwas kurzfristig.

Heute ist ein Windei-Tag. Es sind dies sehr reiche Tage, aber ich meide spitze Gegenstände und prosaische Geflügelzüchtertöchter. Besser ist das.

Dienstag, 17. Mai 2016

Es kam letztens zum Showdown im Waschhaus. Was ich jetzt weiß: Chuck Norris seine Oma schläft nie. Und ihre Sinne sind von nachgerade übermenschlicher Schärfe. Folgendes trug sich zu:

Eines unserer Katzentiere verschmutzte das Bett Simsons. Ich gehe nicht ins Detail, nur soviel: Es musste alles gewaschen werden, zwei Kopfkissen, eine Bettdecke, diverse Bezüge, Nachtkleidung. Ich marschierte am Vormittag also zügig mit der ersten Ladung ins Waschhaus. Problem: Es war Pfingstsonntag. Aber, so sagte ich mir, schließlich handelte es sich um einen Notfall, worin soll das Kind denn schlafen. Dennoch: Es war nicht nur ein einfacher Sonntag, sondern auch noch Pfingsten, ein doppelter Sonntag quasi, also doppeltes Waschverbot. Entsprechend schnell und leise belud ich die Waschmaschine, aber ach. Ich hatte die Tür der Waschmaschine noch nicht geschlossen, da flog die Tür des Waschhauses auf. Im Rahmen steht Chuck Norris seine Oma. Von hinten per Sonnenlicht dramatisch ausgeleuchtet starrt sie mit ihren wasserblauen Augen auf mich, die bucklige Schurkin im Dunklen. High Noon, Baby. Ich starre tapfer zurück. Die Sekunden ziehen sich wie Äonen. Mein Hirn arbeitet schnell und präzise, ich bin in höchster Gefahr. Die Lady hat eine geladene Waschhausordnung, und sie wird nicht zögern, sie zu benutzen. Ich entscheide mich für eine kühne Variante und greife an, dies allerdings mit Charme. Ich nähere mich Chuck Norris seiner Oma mit schnellen Schritten und entschuldige mich dafür, am Sonntag zu waschen, und dann auch noch Pfingsten (fassungsloses Kopfschütteln meinerseits). Sie müsse mir glauben, niemals wäre ich so frech, allein, meine Tochter, das arme Ding, ihre Nachtruhe... Chuck Norris seine Oma hat schon fünf Gänge runtergeschaltet. Jetzt kommt mir eine Idee, ein Verdacht keimt auf und ich werde wahrlich kühn.

Ich bitte Chuck Norris seine Oma um Rat. Sie, als die Erfahrenere müsse mir bitte helfen, denn ich machte mir Sorgen. Seit Wochen hing an ungewohnter Stelle ein Bettlaken und ein Nachthemd, beide bleu (jawohl, ich sage 'bleu', nicht 'hellblau' oder 'blau', denn auch meine Oma sagte immer 'bleu' zu diesem Farbton, und ich bin gerade die Omaflüsterin), inzwischen hätte ich sie abgehängt und ordentlich zur Seite gelegt, aber ich machte mir etwas Sorgen, denn sowohl das Nachthemd als auch die hölzernen Wäscheklammern ließen auf eine eher ältere Dame schließen, ob sie vielleicht eine Ahnung habe, wem die Dinge gehören könnten und warum sie nicht mehr abgeholt würden? Während ich sprach, geschah etwas, kaum spürbar, aber Chuck Norris seine Oma wurde einen Hauch unsicher. Ob ich ihr die Dinge zeigen könne? Ich führte sie zum bleuen Stein des Anstoßes. Und tatsächlich: Vor meinen Augen wird Chuck Norris seine Oma verlegen. Ja, das seien ihre Sachen. Denn sie weiß, was ich weiß, und sie weiß, dass ich es weiß: Die Waschhausordnung besagt auch, dass Sachen längstens 24 Stunden aufgehängt werden dürfen, dann müssen sie weggeräumt werden. Hält sich natürlich kein Schwein dran. Niemand außer Chuck Norris seine Oma, welche sich diese Regeln eben sehr zu Herzen nimmt. Mein Sieg ist triumphal und restlos und ohne jeden Zweifel. In ihrer Verlegenheit sagt sie, dass man sie ja schon an den Holzklammern erkennen könne, den ollen Dingern, die verwende ja heute niemand mehr. Ich sage, dass ich sie viel schöner finde als die bunten Plastikdinger. Sie streicht über die zwei Wäschestücke in ihrem Arm und sagt: "Ja, das sind meine, bleu."

Beim Herausgehen lästern wir beide über diese Menschen, die glauben, dass ein Feiertag ein normaler Werktag sei. Sie bittet mich um Verständnis für Ihr Einschreiten, ich hebe die Hand und bitte Sie, nicht weiterzusprechen, es sei selbstverständlich, dass dieser Tag heute eine absolute Ausnahme sei. Außer vielleicht morgen, wenn die Kopfkissen dran sind...

Ich denke, ich werde die Tage mal mit einem Blumenstrauß bei ihr vorbeimarschieren, als kleines Sorry für den Pfingstsonntag.

Montag, 16. Mai 2016

Haumi, Schaumi



In einem goldenen Abschnitt meiner Kindheit hatte meine Mutter eine leicht zwanghafte Phase. In meiner Erinnerung machte sie genau zwei Dinge: Das rote Album der Beatles hören und mit meinem Bruder und mir in das Wellenbad an der Grünstraße gehen (danach gab es immer eine Prinzenrolle, noch in der Kabine). Das war alles geil, die Musik, das Album (vorne jung, hinten alt, das war Zauberei und ewiges Staunen), das Schwimmen, die Kekse. Ich war noch im Kindergartenalter, musste allerdings die Musik mitschmettern, denn die ging ins Blut. Der Refrain dieses Stückes kam mir spanisch vor: Eydeysuwie! Eydeysuwie! Zum Mitsingen nur bedingt geeignet, man wollte sich ja nicht lächerlich machen. Klarer schon die Aufforderung zu halten und zu lieben: Haumi, Schaumi. Das sang ich dann schon mal mit. Stellt man sich vor meinen Bruder, heute, und sagt: "Haumi, Schaumi", wird er vermutlich wie aus der Pistole geschossen antworten: "Eight Days A Week, Beatles." Vielleicht setzt er noch ein "Wellenbad" hinterher. Warum ich das schreibe? Keinen Schimmer! Eine Moral habe ich auch nur bedingt.

Sonntag, 3. April 2016

Ich träume, etwas Wüstes und auch Anstrengendes, ein langer Traum, ich bin in einem großen schlossähnlichen Bau, alles Hogwarts irgendwie, viele Menschen, ich renne viel und rede, irgendwann wache ich auf, weil Du mich sanft in die Seite drückst, ich habe wohl etwas geschnarcht. Ich bin zerschlagen und unruhig.

Morgengrauen, in mir, draußen ist es dunkel.

Ich trinke Wasser, bin ratlos, gehe ins Bad, Härchen zupfen. Ich rechne. Wie lange es wohl dauert, bis die letzte Erinnerung eines lebenden Menschen an mich mit diesem Menschen gestorben sein wird. Meine Oma war Jahrgang 1918, ich werde noch eine Weile leben, und ich erinnere sie gut. Aber werden meine Kinder jemals Kinder bekommen? Wenn nein, dann kann es sein, dass bereits um das Jahr 2080 herum es niemanden mehr gibt, der überhaupt weiß, dass ich mal existiert habe, oder zumindest mich als lebenden Menschen gekannt hat. Der Sand, der Stundensand, er rieselt nicht im Glas, er weht durch die Gegend, und trifft er auf etwas Lebloses, dann beginnt er, sich zu anzuhäufen, und schließlich sind wir verschwunden, sind die Dinge verschwunden. Dann hat er uns und alles für immer zugedeckt und begraben, der Stundensand. Ist ok so. Gewöhnungsbedürftig vielleicht, aber ok.

Ich lege mich wieder ins Bett und fühle mich verloren.
Schiebe vorsichtig meine Hand unter Deine Decke, da ist Deine Wärme. Du liegst auf der Seite, den Rücken mir zugewandt. Ich beschließe, Dich wachzustarren, das perfekte Verbrechen, keine Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Tatwaffe. Ich werde Dich wachstarren, und Du wirst Dich zu mir umdrehen, mich wie immer mit einem unbeschreiblich warmen Laut an Dich ziehen und Dein Gesicht an mir vergraben, Deine Hände breit gefächert auf meinem Rücken. Ich werde Dich umarmen und Kleinigkeiten in Dein Haar flüstern, bis Du wieder verschwindest, um weiterzuschlafen. Meine Augen brennen Dir jetzt kleine Löcher in den Hinterkopf, aber Du wachst nicht auf.

Schließlich schlafe ich wieder ein und träume, wir sind zu Besuch bei einem lauten Paar, das wohnt auch in einem großen Haus, aber dieses Mal ist es ein unheimlicher Traum, mit diesem Haus stimmt etwas nicht, etwas ist hier, mir lauert ein leises Grauen im Nacken, das nur darauf wartet, mich einzufrieren. Das Gastgeberehepaar ist seltsam, er ist ein Osmin, der Tagebuch führt über jede Stunde Beziehung zu seiner Frau, er wirft uns beiden gerade vor, eine lose, oberflächliche Beziehung zu führen, weil wir uns nicht gegenseitig im Namen der Liebe ständig kontrollieren. Er hat eine Glatze, falsche, schweißverrutschte Wimpern, in den Ohren große Creolen. Er ist mir zu dumm, ich stehe auf und gehe in die Küche um etwas zu trinken. Links schließt sich zügig eine Tür, rechts von mir steht gerade meine älteste Tochter am Kühlschrank, in Nachtkleidung. Ich weiß sofort, dass niemand diese Zimmertür geschlossen haben kann, da sich alle Hausbewohner im Augenblick außerhalb des Raumes befinden. So fangen meine schlimmen Träume immer an, mit Türen, die von unsichtbarer Hand geschlossen werden, ich frage also meine Tochter panisch, wer denn bitte die Tür geschlossen habe?! Sie weiß es, ist aber zu genervt für eine Antwort. Stattdessen greift unter meine  Achseln, hebt mich spielend leicht hoch und trägt mich, mein Gesicht in ihre Blickrichtung gewendet, zügig in das Zimmer. Dort ist der Sohn unserer Gastgeber, auch er ein kleiner Unsympath, der, als er mich sieht, ins Dunkle flieht. Die unheimliche Präsenz, die dieses Haus bewohnt, hat den Kopf des Gastgebersohns auf groteske und leider auch ziemlich witzige Weise anschwellen lassen, großgezaubert, er sieht aus wie ein gigantischer, auf der Seite liegender Football. Geschieht ihm Recht, dem großspurigen Gastgeber, ich wache dieses mal eigenständig auf, vor Lachen.


Du hast Dich mir jetzt zugewendet jetzt, schläfst aber immer noch. Ich fahre mit meinen Augen die vertrauten und schönen Linien ab, die Deiner oberen Gesichtshälfte, Deines Haaransatzes, Deines Ohrs und des Arms. Die schmale Hand auf dem Kissen, der Handteller nach oben gerichtet, die Finger bilden einen Kranz, lose geöffnet, leicht, wie die Blütenblätter einer Tulpe kurz vor dem Verblühen. Nebenher versuche ich ein bisschen, Dich wachzustarren. Vergeblich.

Ich schlafe irgendwann wieder ein und träume, dass ich in einem Hotel einen Killer beobachte, wie er einen Agenten umbringt, er erstickt ihn mit einem Kissen. Ich informiere das Personal und beschließe, mich vom Acker zu machen, denn ich bin mitten in einem Thriller und der Killer weiß, dass ich ihn gesehen habe. Ich springe vom Hotel aus ins Meer und will zur nächsten Insel schwimmen, ich bin auf den Bahamas und das Wetter ist ein Traum. Im Wasser neben mir ist plötzlich eine Transfrau, sie trainiert in einem weißen, baumwollenen Dameneinteiler der Bundeswehr, der am Rücken keck ausgeschnitten ist und den am Ärmel der Bundesadler und Schwarzrotgold ziert. Ich muss jetzt schon kichern, die Transfrau ist heute ein Running Gag in meinen Träumen, ihr passieren immer lustige Dinge. Wegen ihrer Brille und ihres kleinen Schnurrbärtchens wird die Offizierstransfrau irrtümlich für den Killer gehalten und von Bahamas-Polizisten unsanft aus dem Wasser gefischt. Ihre Empörung ist gerecht. Wir sitzen dann auf einmal auf einem Kahn, die Offizierstransfrau, mein Bruder, Rachel Weisz und ich. Rachel Weisz trägt ein schwarzes, enges Kleid und einen breitkrempigen Hut, das Setting ist "Tod auf dem Nil", und Rachel Weisz gibt gerade unerträglich an, wir mögen sie alle entschieden nicht. Mein Bruder hat eben im Gespräch seinen Abiturschnitt ganz schön nach oben korrigiert, jetzt bin ich dran und muss entweder auch lügen oder dastehen wie der letzte Trottel, Rachel hat natürlich einen Einserdurchschnitt. Die einzig unbeeindruckte ist die Offizierstransfrau, aber ich habe nicht ihr Standing, es ist mir zu doof und ich wache auf.

Jetzt ist es viertel vor neun und Du schläfst immer noch. Ich frage mich gerade, ob ich das Wachstarren für heute aufgebe und umsteige auf Deine elektrische Kaffeemühle, die macht so herrlichen Lärm. Da ruft Deine Mutter an. Sie spricht auf den Anrufbeantworter, laut, energetisch. Du wachst auf, hörst ihr zu, müde lächelnd. Als sie fertig ist, reibst Du Dir die Augen, siehst mich an und fragst: "Soll ich Kaffee kochen?"

Och. Wenn Du mich so fragst...

Dienstag, 29. März 2016

Am Strand sagst Du: "Wenn Du einen Stein mit einem Loch drin findest, dann darfst Du Dir was wünschen." Ich schaue auf, sehe Deine Augen. Sie strahlen, spiegeln das Licht und das Blau und die endlose Freiheit. Ich hatte schon viele Steine gesehen, einer hatte auch ein Loch gehabt. Schnell wünsche ich mir etwas hinterher, ein P.S.-Wunsch quasi. Als er abgeschickt ist, fällt mir auf, dass er missverständlich formuliert war. Ich beschließe trotzdem, es dabei zu belassen und auf den nächsten Stein zu warten. Kein Verhandeln mit dem Schicksal, lieber nicht.
"Aber nur ein richtiges Loch," sagst Du, "ganz durch." Auch das noch. 
Ich zeigte Dir meine Nordsee, jetzt zeigst Du mir Deine Ostsee. Also Steine suchen anstatt Muscheln. 
Es gibt so viele Steine, man muss sich entscheiden, sie wiegen mehr als Muscheln. Es gibt kleine, glänzende, tiefschwarze Steine. Große, außen unspektakulär, aber an der Bruchstelle offenbaren sie zarte Pastelltöne, ein Blick in undenkbar alte Zeiten. Wie lange liegen die hier schon, wie lange gibt es die schon? Ist es möglich, dass diese Steine keine Seele haben? Für mich nicht. Dafür sind sie zu alt und zu schön, um keine Seele zu haben. Zu einzigartig. Zu würdevoll. Kann ich sie einfach mitnehmen, hier rausreißen? Ich sammle zunehmend beklommener, dann lasse ich es ganz. 
Mitnehmen kann ich es ohnehin nicht, und halten kann ich es nicht, dieses ganze Glück.
Aber darin sein, das geht.
Aufnehmen. Die ganzen weichen Rundungen, die der Steine, die der sanften Dünung, die des ausgewaschenen, hellen Holzes, das überall liegt. Weiche, stille, würdevolle Schönheit. Ich stelle die Blende größtmöglich ein, halte jetzt nur noch Blicke fest, keine Dinge mehr. Bilde eine kleine Stelle scharf ab, der Rest verschwimmt in sinnlicher Weichheit.
Komme zurück zu Deinen Augen, beschirmt von einer Kapuze, nah. Höre den Wind.
Das ist Glück.
Kommt mein Wunsch an, irgendwie, dann bleibt es noch etwas Glück. 


Donnerstag, 12. November 2015

Stand and deliver

Gestern, in meiner Abwesenheit, klingelten hier Kinder, laternelaufende.
Problem: Simson öffnete, hatte aber keine Süßigkeiten, was sie ihnen auch sagte. Die Kinder sangen trotzdem, 2 Strophen "Sankt Martin, Sa-hankt Maaartin...", sie endeten, Simson hatte immer noch keine Süßigkeiten, sie zogen grummelnd ab.
Gerade sitz ich auf dem Balkon, schmauchend, höre ich herannahende blätterraschelnde Schritte, viele. Ein Meer von Laternen. Stimmen. Meine Name fällt, ich werde hellhörig.
"Komm, wir gehen jetzt zu dieser Charlotte."
"Welche Charlotte?"
"Wo wir gestern waren."
"Aber die hatte gestern nix."
"Egal, jetzt sind wir mehr."
"Dann gibt sie halt Geld."
Ich rieche die Pechfackeln, sehe die Heugabeln, wie damals, in Sankt Petersburg.
Ich hechte in die Wohnung, zu Simson, die auf ihrem Bett ruht.
Ich sage ihr, dass es jetzt klingeln wird und wiederhole die Dialoge.
 Simson:
"Diese §&*!!!"
Wir haben das dreimalige Klingeln eisern ausgesessen.
Der Mob zog weiter.
Nochmal davongekommen.
Es geht doch nichts über die besinnliche Jahreszeit.

Montag, 26. Oktober 2015

Keep It Gay!!!


Dies ins Poesie-Album aller verkniffenen Zeitgenossen, welche Stahlhelm und Reiterhosen nicht lassen können: Keep it Gay!
"Springtime for Hitler", so das geplante Musical. Nehmt euch ein Beispiel: Nehmt es wie Männer!
Zieht euch ne Strumpfhose an, ihr spaßbefreiten Vögel. Das Leben ist bunt. Und hört auf, dem Rest der Menschheit auf den Pin zu gehen.
Keep it light. Keep it bright. Keep it gay!

Montag, 5. Oktober 2015

Es schreiten über einen Deich in Kaiserswerth die Lässige, Simson und ich. Es ist schön dort. Ein sanft abfallender Hügel, weite Weiden, es grasen ein paar Pferde. In der Ferne der Rhein, eine Brücke. Im Winter hat der Blick etwas von einem flämischen Meister.
Aber jetzt ist es Spätsommer. Oder Frühherbst? Ein sanftgoldenes Dazwischen, die Weiden noch grün, und besagte Pferdchen grasen.
Kommt uns ein Mädchen entgegengelaufen. Fünf Jahre alt, vielleicht sechs. Sie sieht die Pferde und kriegt sich nicht wieder ein.
"Kühe! Kühe! Kühe!" ruft sie aufgeregt. Die sie begleitenden zwei jungen Frauen, anscheinend Mutter und Tante, gehen weiter und starren unbeirrt auf ihre Smartphones.
Es durchrauscht mich einiges.
"Das sind PFER-DE." zischt Simson, Gift und Galle in der Stimme.
Ja, Schatz. Ich weiß.
Als kleiner Bonus-Track, besagter Blick im Winter:


Sonntag, 4. Oktober 2015

Sagt der Himmelblaue zur Barfüßigen:

"Ich hab bei meinem Digitalfernseher jetzt Empfang!"

Sagt die Barfüßige:

"Wie kommts?"

Sagt der Himmelblaue:

"Ich hab meine Fensterbank aufgeräumt."

Meint die Barfüßige:

"Cool. Räum doch mal die Ecke neben Deiner Kommode auf. Vielleicht findest Du ja einen Schokobrunnen."

Hehe...

Sonntag, 21. Juni 2015

We have come a long way: Symphonic Legends - Super Mario Galaxy Suite



Wer noch die bleep-Sounds der guten alten Mario-Spiele im Ohr hat, wird mir beipflichten, dass sich etwas getan hat.
Enjoy!

Montag, 1. Juni 2015

Motiväischn, Babe!

Ich mal wieder auf dem Balkon. Ein lauer Frühabend, ich mache ein Zahlenrätsel, zum Runterkommen.

Aus einem der geöffneten Fenster unseres Hauses klingt Musik. Flötenmusik. Altflötentöne. Ein übendes Kind, das immer die gleiche Sequenz spielt, zögerlich, etwas wackelig. Das wird bestimmt eine Melodie, irgendwann. Spätestens unter dem Tannenbaum im Dezember wird man die Melodie erkennen, da bin ich mir sicher.

Als wäre meine positive Mindpower nach oben gedrungen, zu dem armen kleinen Musikknirps, unterbricht das Kind die Tonfolgen, brüllt begeistert: "EINS, ZWEI, DREI, VIER!!!", um dann wieder seine ripuarische Schlangeneinschläferung zu starten.

Hammer.

Das nenne ich Motivation.

Donnerstag, 21. Mai 2015

Eberhard, mäßige Dich!



Oder: Wenn Partymaschinen versuchen, sich zurückzuhalten.

Ich habe noch nie einen Tierfilm gepostet, aber der hier ist Endstufe.

Enjoy!

Samstag, 2. Mai 2015

Bockspring-Betten...

...das verstehe ich jedenfalls immer, in der Radio-Werbung: Bockspring-Betten.

Sie meinen Boxspring-Betten, die Anbieter. Eine große Möbelmarkt-Kette, die einen Igel in der Tasche hatte als es darum ging, einen geeigneten Sprecher zu wählen. Deshalb werden aus den Boxspring-Betten Bockspring-Betten, rein akustisch. Wofür ich sehr dankbar bin, denn Bockspring-Betten bieten doch eine wesentlich unterhaltsamere Assoziationsspielwiese, finde ich.

Samstag, 25. April 2015

Es spricht mit mir...


1642.
Links im Bild: eigentlich Seifenpulver

Eben war ich im Waschhaus, allein, Chuck Norris seine Oma reinigte wohl ihre Smith & Wessons, und da fiel mein Blick auf oben abgelichtetes Ensemble.

Die Damen vom Flurreinigungsgewerbe lagern ihre Dinge nämlich im Waschhaus.

Mir war sofort klar: Das ist eine Botschaft. Derbe verschlüsselt, aber eine Botschaft.

Ein Engel oder Luftgeist, eine katholische Selige und das Jahr 1642. Hm...

Viel weiter als bis zum "Hm..." bin ich bisher nicht gekommen.

Ich werde in den nächsten Tagen darauf zurückkommen. Jetzt geh ich shoppen.

Wenn inzwischen jemand eine Idee hat: Immer her damit.

Freitag, 24. April 2015

Dialoge für die Ewigkeit

Beim Wohnungfürdaswochenendefeinmachen empfiehlt sich Zerstreuung, ich trage dabei Funkkopfhörer. Freies Bewegen bei gepflegter Audioablenkung. Im Augenblick höre ich die Hörspiele "John Sinclair, Geisterjäger". Neben ungehemmtester politischer Unkorrektheit kommt man da in den Genuss von Dialogen, wie sie schöner nicht sein können:

"Schau mal, da kommt ein Zwerg."
"Verdammt! Vor solchen Typen muss man sich besonders in Acht nehmen!"


"Soll ich ihm eins überziehen?"
"Ja."


"Los, bringt sie in den Keller."
"Wo bringt Ihr uns hin?!"


"Was habt Ihr mit mir vor?"
"Die Hexenprobe."
"Ihr Lumpenpack!"


"Wenn Du untergehst und ersäufst, dann warst Du keine Hexe."
"Ihr seid gemein!!!"


"So geht hin, meine Wassermonster, und tötet ihn, noch bevor er das andere Ufer erreicht hat!"


Das meiste von dem Schlamassel hat John dann geradegebogen, selbstredend. Mit seiner Beretta und dem geweihten Kreuz. Nur dem Typen mit den Wassermonstern war nicht mehr zu helfen.

Das Mädchen hat er am Ende natürlich auch bekommen.

All's well that ends well.

Und die Butze ist jetzt auch am blinken.

Mittwoch, 22. April 2015

Bedenke, Kind...

Auf dem Balkon sitzen Die Lässige, Simson und ich.

Wir reden über Pädagogik.

Ob es sinnstiftend ist, Kindern Angst zu machen, um sie vor Dummheiten zu bewahren. Wir teilen die Meinung, dass Angst machen gemein ist. Auch etwas faul vielleicht. Ich sage: "Ich hab den Kindern nur bei den absolut wichtigsten Sachen etwas Erschröckliches erzählt." Guckt Die Lässige fragend Simson an. Sagt Simson wie aus der Pistole geschossen: "Wenn man im All keinen Helm trägt, dann platzen einem die Augen raus."

Jetzt sieht Die Lässige glaube ich mich fragend an. Ich denke kurz dran so zu tun, als wär nichts. Aber Simson und Die Lässige sind so sehr ratlos und werden auch ziemlich albern (das muss ich jetzt mal sagen), dass ich mich zu einer Stellungnahme gezwungen sehe.

"Kann doch sein? Ich meine..." Ich breche ab. Mir fällt beim besten Willen kein Szenario ein, das eines meiner Kinder in naher Zukunft ins All verschlagen würde. Vor allem nicht ohne Helm.

Ich habe keine Ahnung, warum ich ihnen das erzählt habe. Ich weiß auch nicht mehr, wann. Rückblickend muss ich zugeben, dass die Lebensweisheit mit den geplatzten Augen Praxisbezug vermissen lässt.

Aber wir haben dann doch ziemlich gegackert irgendwann.

Oh Mann. Ich hoffe, dass ich in Zukunft nicht allzuviel solcher Dinger präsentiert bekomme. Etwas peinlich war mir das schon.

Dienstag, 21. April 2015

Ich glaub es geht los...

Gestern appt mich die Barfüßige Gräfin an. Der Himmelblaue habe ihr erzählt, ich hätte einen Degen im Keller. Den bräuchte sie dann mal. Ich appe zurück, dass ich höchstens ein Florett im Keller hätte, mir aber nicht sicher wäre, ob es noch da sei. Sie solle doch bitte mal selber schauen.

Ich tue cool, aber innerlich jauchze ich vor Wonne. Die Barfüßige fragt: Ey, haste mal ne Fechtwaffe irgendwo rumliegen? App ich zurück: Müsste noch ein Florett im Keller sein. Ich finde mich so cool als Mutter, so unverschämt lässig, dass ich es kaum fassen kann. Jetzt mal ernst: Welche Bürgerin kann ihrem Kinde mal eben eine Fechtwaffe aus dem Keller zaubern, auf dass es übe? Na also.

Nach der Arbeit setze ich den Grubenhelm auf, wappne mich mental gegen Spinnenkontakt und betrete den Keller. Und in der Tat, da liegt es, das Florett, das vor fast 30 Jahren zu mir fand, auf Wegen, die zu erläutern jetzt wirklich zu weit führen würde.

Ich trage es hoch, mache ein paar Bilder mit meinem Telefon und schicke sie der Barfüßigen, am Abend kommt das Kind vorbei. Ich lümmel auf dem Sofa rum und mach wieder einen auf cool, ach ja, das Florett, hätt ich ja fast vergessen.

Die Barfüßige stellt sich aufrecht vor mich hin, macht einen Ausfallschritt, spießt einen Phantomgegner auf. Dann beäugt sie länger das Florett und sagt in meine Richtung (und dies durchaus abschätzig): "Das hat ja gar keine Blutrinne. Das von meinem Fechtlehrer hat 'ne Blutrinne."

Ich erhebe mich langsam vom Sofa, sammle missmutig den Kitt auf, der mir zwischenzeitlich aus der Brille geflogen war, und frage gereizt, was bitteschön das denn für eine Uni sein soll, an der die Fechtlehrer eine Blutrinne am Trainingsequipment benötigen.

Ich verziehe mich auf den Balkon um zu schmollen und eine zu rauchen.

Dann sehe ich mich verstohlen um und öffne vibrierend vor Erregung mein Sprachschatzkästchen, das gerade ein neues, wunderbares Juwel bekam: Blutrinne! Ich betrachte es eine Weile still und staunend, lasse seine Wucht etwas durch die milde Abendluft donnern und lege es dann sorgsam zurück neben das Seifenpulver.

Wat et nich all jibt.

Montag, 20. April 2015

Gute Reise...

kleine Freundin.

Danke für Deine Duldsamkeit und Ruhe und Güte. Manchmal hast Du mich beschämt, wirklich.

Hier ist es etwas leer ohne Dich.

Wir trauern, kleine Freundin. Viele trauern.

Danke Dir.

Donnerstag, 16. April 2015

Chuck Norris seine Oma...

... hat heute meine Ohren bezaubert.

Sie ist nicht wirklich die Großmutter von Chuck Norris. Ich hab sie nur so getauft.

Hier in unserem Wohnkomplex gibt es einige sehr große Wohnungen, die teilweise 40 oder 50 Jahre von den selben Menschen bewohnt wurden. Ehepaare erst, dann Eltern. Irgendwann zogen die Kinder weg und bekamen selber Kinder, irgendwann blieben dann nur die Frauen, weil die Männer früher starben. Die Damen blieben hier wohnen, jetzt sind die meisten im Heim oder bei ihren Ehemännern, in den letzten 10 Jahren sind die großen Wohnungen an junge Familien mit Kindern gegangen, die den Laden ordentlich aufmischen. Aber eine alte Dame hat überlebt und hält die Stellung. Sie wohnt direkt über dem Waschhaus. Früher gab es einen strengen Benutzungsplan für das Waschhaus, weil noch nicht jeder eine Waschmaschine hatte und die Damen sich einigen mussten. Aber die Regeln sind erodiert, nur noch wenige nutzen das Waschhaus. Die Tür ist nicht mehr abzuschließen, und die Kinderhorden nutzen die Location gerne als Chillout-Area oder Stauraum für ihre Fußballtore. Ich bin eine der wenigen, die dort noch waschen. Ich weiß es sehr zu schätzen, nicht dieses ordinäre Waschmaschinengerumpel in der Wohnung zu haben, und meine Wäsche kann ich da auch direkt aufhängen. Ähnlich empfindet es die Barfüßigen Gräfin. Als diese einst an einem Sonntag zu später Stunde und im Finsteren aus dem Waschhaus schlich, sprach eine Stimme aus dem Nichts: "Sonntags ist kein Waschtag", die Barfüßige kreischte laut vor Schreck und floh. Es war die Oma, welche den alten Zeiten hinterhertrauert. Am nächsten Tag klebte ein Zettel an der Waschmaschine, die Handschrift knapp an Sütterlin vorbei: "Am Wochenende ist kein Waschtag." Einen Tag später stand darunter in der Handschrift der Barfüßigen: "Sagt wer?" Noch einen Tag später stand in einer mir fremden Handschrift da drunter: "Die Wäsche-Oma?" Schrieb ich drunter: "Nee, Chuck Norris seine Oma", noch einen Tag später war der Zettel weg.

Jedenfalls bin ich eben im Waschhaus, kommt Chuck Norris seine Oma rein. Denk ich: "Verflucht. Hoffentlich hat sie keine Knarre dabei." Wir grüßen freundlich. Sie schaut sich um wie Napoleon in Waterloo. Und dann sagt sie es: "Man kann hier noch nicht mal mehr sein Seifenpulver stehen lassen."

Seifenpulver!!!

Wie lange habe ich das Wort nicht mehr gehört? Wie wundervoll ist das denn? Heute, wo alles zugekleistert wird mit Reinheitsformeln, Hyalurongedöns, Millionizern und allem Marketing-Blingbling, das kein Mensch braucht und Sprachsensible erschauern lässt, steht sie da, das Teufelsweib, und nennt das Ding beim Namen: Seifenpulver.

Ich habe ihr die Traumatisierung der Barfüßigen spontan verziehen und mit ihr eine kleine Runde die Anarchisierung des Waschhauses beklagt.

Ich plane, die Nachfolge anzutreten als Chuck Norris seine Oma, und in späteren Zeiten die Jugend zu traumatisieren und mit konkretem Sprachgut um mich zu werfen.

Das wird gut.

Samstag, 28. März 2015

Ganz schön schlagfertig

Neben mir trottet letztens mein Lieblingszwerg, vier ist er jetzt.

Unter den Arm hat er seine große Schippe geklemmt und einen langen Ast, der je nach Bedarf als Schwert, Messer oder Feuerzeug fungiert.

Frag ich den Knödel: "Kann ich irgendwas tragen?"

Sagt der: "Ja. Mich."

Herzensstürmer, der.

Montag, 23. März 2015

Dies auch noch zum Geburtstag und überhaupt

Lionel Hampton, Count Basie, Benny Goodman, Errol Garner, Klaus Doldinger, Ramsey Lewis, Dave Brubeck, Oscar Peterson, Herbie Mann, die und so viele andere Namen, mit denen ich groß geworden bin, mit den Namen und vor allem der Musik. Genug Stücke, von denen ich bis heute nicht weiß, von wem sie sind, aber ich höre sie noch, kenne jede Note.

Ich wurde lebenslang angesteckt mit dieser Leidenschaft für Jazz. Sie macht mich reich.

Swing haut mich besonders um. Das Dionysische, Zügellose, Treibende.

Mein Vater spielte früher Posaune, Zugposaune selbstverständlich, nicht dieses verweichlichte Ventildingens. Jazz in Kellern. Bis heute habe ich ein Bild in mir. Spielen gesehen habe ich ihn nie. Er hörte wohl auf, als der Ernst des Lebens begann. Aber ich habe dieses Bild in mir, der endcoole Knilch, auf der Kante des Stuhls gelauert, die Posaune leicht nach unten gerichtet, eine Augenbraue gehoben, mit einem Fuß den Takt schlagend, den anderen Musikern einheizend und sie fütternd. Die Mauern von Jericho anlachend. Dufte Musik. Ich bin immer etwas stolz, wenn ich alte Aufnahmen der großen Swingorchester sehe, weil Du einer von ihnen bist.
Ich denke, Du und seine Kumpels, Ihr spieltet häufiger Dixie? In kleinerer Formation bestimmt. Aber das ist egal. Die Bilder sind da.

Weißt Du, Vater. Wenn Du uns früher im Rheinstadion ein Zehnpfennigstück in die Hand drücktest und auf dem Sprungturm verschwandest, und wir das Geldstück ins Becken warfen, und Du mit einem blitzblanken Köpper vom Zehner runterkamst, um das Geldstück wieder heraufzutauchen, das war irgendwie auch Swing. Das verband sich. Es war immer ein sehr großes Staunen für mich.

Danke Dir, Du Musiker und Du Mensch.

Deine Leidenschaft war und ist ansteckend.

Mittwoch, 18. März 2015

Von den Kratzeisfarben

Die Kratzeisfarben (die Farben des Wasser-Eises, welches in einem Plastikbecher zum soliden Block gefroren und vom Esser mit dem Löffel durch kratzende Bewegung entnommen wird) lauten in dieser Familie nach Beliebtheit in absteigender Reihenfolge:

Blau

Rot

Braun

Die Barfüßige mag noch Weiß.

Gelb geht gar nicht, Ladenhüter.

Ich mag kein Kratzeis, aber ich kaufe es ein. Deshalb ist es wichtig, dass ich die beliebten Farben kenne, nach Reihenfolge, absteigend. Gehe ich zur Bude, dann sage ich: "Ich gehe zur Bude. Kratzeis anybody?" Dann sagen die anwesenden Wesen "Ich!" Und dann frage ich: "Welche Farben nochmal?" Ich bekomme dann die Farben gesagt, nach Beliebtheit in absteigender Reihenfolge. Das geschieht jedes mal, denn ich kann mir die Farben nicht merken. Das liegt erstens daran, dass ich den Farben keinen Geschmack zugeordnet bekomme und mir auch keine Staatsflagge einfiele, die als Eselsbrücke dienen könnte, und zweitens mangelt es mir an Empathie für dieses Vergnügen, denn für mich wäre es eine Strafe, einen ganzen Becher gefärbten und gefrorenen Wassers leeren zu müssen. Danach ist man ganz durchgefroren, habe ich mir sagen lassen.

Die absteigende Reihenfolge ist wichtig, weil häufig Blau aus ist, denn es ist allgemein sehr beliebt. Rot ist auch mal aus. Einmal kam ich mit Gelb heim und erntete harsche Worte.

Was ich sagen wollte: Kratzeis gibt es nur in der warmen Jahreszeit, an der Bude jedenfalls. Bier haben die immer, Kippen auch (so ein Glück), aber Kratzeis erst, wenn es warm wird. Und deshalb ist das so eine Art inoffizieller Eröffnung des Frühlings: Wenn ich das erste mal sage: "Ich gehe zur Bude. Kratzeis anybody?" Eben sah ich zwei Kinder mit Kratzeis am Balkon vorbeimarschieren und fragte Simson beiläufig, wie nochmal die Kratzeisfarben waren, nach Beliebtheit absteigend. Sie hat den Braten nicht gerochen. Ich werde die Frage aller Fragen stellen, heute oder morgen. Da freu ich mich drauf. 

Abendständchen


Noch immer auf dem Balkon, es wird langsam kalt. Ich schaue nach Westen. Die Sonne ist verschwunden, der letzte zartrosa Streifen verblasst. Der Himmel fast dunkel, und nur die Venus sehe ich noch da oben.

Vom Balkon über die Straße das Gelächter der ältesten Tochter und ihrer Freundinnen, ein Hühnerhof, versammelt die ganzen jungen Frauen, die ich schon als kleine Mädchen kannte. Ein letztes Atemholen der Tochter, bevor sie ihr Studium beginnt. Ein Jahrgang von zehn Menschen, vier Jahre werden sie zusammen sein. 'Verabschiedet Euch von allem', hatten sie ihnen gesagt. Zehn, die es schafften, von Hunderten, die scheiterten. Sie hat sich was getraut, wohl mehr, als ich jemals wagte. 12 Stunden am Tag wird sie eingebunden sein, arbeiten, an sich, mit anderen. Schleifen, schwitzen. Sie hat ihren Weg angefangen, sie geht, mit Angst und Freude.
Ich schaue wieder zur Venus. Wie viele Augenpaare haben da schon hochgeschaut? Wie viele Generationen, wie viele Gedanken, Gefühle? Durch Jahrhunderte, Jahrtausende. Immer der gleiche Blick. Milliarden mal ein anderer Blick. Theoretisch könnte ich Oma werden. Unfassbar. Wo ist das alles hin? Die Zeit? Wer bin ich, was bin ich? Ein Staubkorn, ein Wimpernschlag, eine Ewigkeit? Es löst sich alles auf, ich werde ein Nichts und ich werde Gott. Was habe ich erreicht? Asche und Staub, Gold und Weihrauch. Alles und nichts. Wo gehe ich hin? Wann gehe ich? Ich bin ein siebenjähriges Mädchen und eine hundert Jahre alte Frau.
Interessiert es die Venus, was ich ihr entgegenfühle? Für mich ist der Augenblick gerade einzigartig. Sie, die Venus, hat ihn wohl schon häufiger erlebt, diesen Augenblick.
Mittelalte Damen, die sinnieren.

Freitag, 13. März 2015

Durch die Zeiten

video

Heute war ich auf einer Beerdigung. Die letzte Lebende aus der Generation meiner Großeltern ist gestorben. Jetzt sind wir alle eine Reihe vorgerückt.
Später, im Restaurant, unterhielten sich zwei der Trauergäste über ihre Schulzeit, tauschten Namen und Geschichten. Einer aus ihrer Klasse war wer geworden, in der Landespolitik. Mir wurde klar, dass ich mit seinem Sohn zur Schule gegangen war und dachte: "Kann ja nicht! Die sind doch hundert und ich 20. Das muss doch der Enkel gewesen sein."
War er aber nicht, ich habe es nachgerechnet.
Ich bin ja auch nicht mehr wirklich 20.
Das kann man sich vielleicht einreden, wenn noch eine lebt aus der Großelterngeneration.
Heute hat mir mein Bruder gefehlt.
Lieber Bruder, manche Dinge sind noch so wach...
Dir, liebe Änne, wünsche ich alles Liebe und sage Dir Dank für schöne Erinnerungen und sage auf Wiedersehen. Die Liebe Deiner Kinder heute hat mich sehr berührt.

P.S.: Und das Bonanza-Rad war wirklich Endstufe.